h1

Objektorientierte Geschichten: Straßenbahn

30. August 2000

Ich sitze in der Straßenbahn und hatte noch nie ein derartiges Eckelgefühl. Um mich herum sitzen alte Leute, die nach Urin und Schweiß riechen. Gebadet haben die sich schon lange nicht mehr, ist ja auch schwer wenn man so alt ist, klar. Dann zwei dicke blonde Mütter mit kaputten Haaren und Babys, denen man sofort ansieht, dass sie mal Schlägertypen werden. Das eine Baby isst gerade eine Bifi (in dem Alter schon so grobes Fleisch!) und schmeißt den angesabberten Rest auf seine Mutter, die ihm dafür eine scheuert. So ein Gebrüll! Bestimmt kriegt das die Mutter von ihrem Schlägerjungen alles wieder zurück.

Dann der Typ gegenüber: ein Mund wie ein Fisch, eine Brille wie ein Richter aus den 60er Jahren, Sandalen in Kindergröße, Socken mit hellblauen Autos drauf und ein fettverschmiertes T-shirt. Außerdem spannt er die Füße ständig an, so dass seine Sandalen schon ganz krumm sind. Nebenbei kaute er Nägel. Mensch, der ist doch mindestens 35!

Links von mir eine türkische Familie: im Gegensatz zu den Schlägerbabys ist deren Kind eine Schönheit. Aber leider Gottes hat man ihm ein Fake-Handy aus rosa Plastik in die Hand gegeben, welches die ganze Zeit klingelt. Das Kind geht dran, redet auch mit der imaginären Stimme, aber das Handy klingelt weiter. Reichen nicht schon die Klingeltöne der echten Handys? Es ist ja nicht zum Aushalten!

Zu meiner Bestätigung klingelt gleich noch eins. Die Tussi, die es ausschaltet, hat helllila Lidschatten drauf und bestimmt einen Tanga an, da ich keine Abdrücke von Unterhosen an ihr erkennen kann. Neben dem tollen Arsch, hat sie aber auch ein Arschgesicht, wie alle hier drin. Nicht einen schönen Menschen sehe ich hier. Und eigentlich finde ich Menschen sehr schön, fast immer. Aber es scheint mir so, als hätte mich Gott in eine Straßenbahn voller Eckel gesteckt. Gleich bin ich da.

Kommentar schreiben