
Freitag abends durch die bayerische Pampa
23. April 2007Auf dem Weg zu einer Freundin, die in einem kleinen, für seine Fußbäder bekannten bayerischen Kurort arbeitet, erlebe ich das Dasein im Provinziellen.
Da mein ICE Verspätung hat, verpasse ich in Augsburg die Regionalbahn. Zum Glück fährt 20 Min. später gleich die nächste Verbindung, die jedoch statt 40 Min. ganze 90 Min. braucht, da Schienenersatzverkehr (SEV) aufgrund einer Baustelle herrscht. Also heißt es mitten in der Pampa in einen vollen Bus umsteigen. Ein junger Mann mit Rad und Mütze möchte auch mit. Der Busfahrer mit Schnauzer sagt, er hätte seine Vorschriften, das Rad dürfe nicht mit. Dann steigen noch drei angetrunkene Jungs ein, die Partei für den Radfahrer ergreifen, der sein Rad nicht wie vom immer wütender werdenden Busfahrer vorgeschlagen an diesem kleinen Bahnhof stehen lassen will. Er habe doch bezahlt und die Dame am Schalter habe ihm nicht gesagt, dass man im SEV kein Rad mitnehmen dürfe. Wie solle er denn jetzt heim kommen?
Nach ein paar Minuten mehr oder weniger undurchsichtiger Diskussion (mittlerweile ist nicht nur das Fahrrad ein Problem, sondern auch die offenen Bierdosen der anderen Drei) geht es tatsächlich los. Schließlich muss der Fahrplan eingehalten werden. Nun fährt der Bus etwa eine halbe Stunde durch die bayerische Pampa und ich erhalte ungefilterte und unvergessliche Eindrücke in die Denkweise dreier besoffener junger Männer auf ihrem Weg nach Füssen, deren größte Sorge ist, dass dort keine Tankstelle mehr offen hat. Ich habe gelernt:
- man schreibt daheim gebliebenen Freundinnen nicht “ich liebe dich” per SMS, das ist billig und nicht angemessen
- alle Bürokraten und Busfahrer in Deutschland sind schwul
- es gibt ungeahnte körperliche Zuneigung zwischen jungen Männern, die in einem betrunkenen Zustand richtig zärtlich zueinander sein können
- auch in betrunkenem Zustand sorgt sich die Jugend von heute um die leeren Bierdosen, ist ja schließlich Pfand drauf
- die wichtigste Sprache nach Englisch ist Spanisch, wobei deren Spanisch mehr eine Mischung aus Französisch und Italienisch ist
- ein Handy zu haben ist nicht immer etwas Positives, da Mütter jederzeit anrufen können und man in betrunkenem Zustand auf dem Display nicht leicht erkennt, wer dran ist.
Das lässt hoffen, finde ich. Es lebe die Jugend von heute!

