Archiv für die Kategorie ‘entgiften’

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Besuch der drei Damen

28. Dezember 2011

Ich führe gerade interessante innere Kämpfe nachts. Zur Erläuterung: Kurz vorm Einschlafen ist mir immer nach etwas Bestärkendem und Beruhigendem. So mancher greift da zum Valium. Nichtso am Mannheimer Bettrand der MJF. Diesem Fräulein ist nach etwas Mystik. Nach etwas “kurz noch schnell das Leben verstehen” und dann schön lecker einschlafen. Gelingt zumeist. Immer öfter habe ich das Gefühl, getragen zu werden, oder wie Hafiz sagt, auf Gott zu fallen, wenn jemand den Stuhl hinter meinem Geist wegzieht.

Vertrauen. Das fehlt mir manchmal, vor allem nachts. Also lese ich etwas Erbauendes und dämmere ein. Und in diesem Dämmerzustand geschieht manchmal ein tieferes Verstehen. Dann mache ich Licht aus, schlafe ein, schlafe tief und dann tauche ich wieder etwas auf, und in diesem halbbewussten Auftauchen sagen dann plötzlich meine Ängste: Hello, darling, we´ve come to see you. And we brought cake!

Betrachten wir diese drei Damen einmal näher. Frau Reisen-Fliegen, Frau Einsamsein-Nichtverstandenwerden und Frau Abschied. Frau Abschied und Frau Reisen-Fliegen sind Schwestern, zwei grausame, hässliche Schwestern. Sie kommen immer unpassend, zumeist nachts und ihr Kuchen schmeckt scheußlich nach Panik. Frau Einsamsein-Nichtverstandenwerden ist nicht ganz so gruselig, denn mit Vorname heißt sie Besonders. Frau Besonders Einsamsein-Nichtverstandenwerden bringt keinen Kuchen mit und wir sind gerade dabei vom Zustand des Sich-Siezens hinzukommen zum persönlicheren Du. Du, Frau Einsamsein-Nichtverstandenwerden, darf ich dich Besonders nennen? Das klingt so viel, äh, freundlicher. Sie überlegt noch verschämt, aber ich glaube, beim nächsten Besuch willigt sie ein.

Bleiben die beiden Schwestern. Die neueste Strategie… Ihnen breit die Tür aufzumachen, herzlich willkommen zu heißen, den Kuchen auf den Tisch stellen, das Messer und die Teller holen gehen und auf dem Weg dahin richtig aufzuwachen und sich klarzumachen, dass sie es nur nett meinen. Frau Reisen-Fliegen und Frau Abschied sind (bei Tageslicht betrachtet und bei wachem Verstand) gar nicht so schlimm. Zu sagen, sie könnten allerdings irgendwann einmal meine Freundinnen werden, ist noch zu früh. Sagen wir mal so, es wäre schön, wenn ich sie zumindest bei einer Begegnung auf der Straße nett und ehrlich grüßen könnte.

Was ich dabei total interessant finde (ich als Forschungsobjekt), dass das immer nachts kommt und dass es häufig in diesem Halbwach/Halbschlaf-Zustand am heftigsten ist. Das ist für mich ein Beweis für die Existenz des Unbewussten. Und das gilt es zu bearbeiten.

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Dulce veneno

10. Dezember 2011

auch wenn ich es mir gerade nicht vorstellen kann, vielleicht komme ich so zurück?

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Buschnacht

3. Dezember 2011

eine Mannheimer Erzählung.

Motive: Mannheim, Jungbusch, Identitätskonstruktion durch Raum und soziale Praktik, Leben, Erleben, Transkulturalität, hart sein vs. sich fallen lassen, chaotische Alltagsrealitäten, elektronische Musik, Effekte von sozialen Kontexten, das boshafte unsicherheitsbasierte Coolsein junger Menschen vs. seltener Herzlichkeit, das Glück des Vorhandenseins von Drogen, selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe.

Line, Jens und ich abends in der Jungbuschstraße. Wenn es eine Straße gibt, die für mich aufgeladen ist mit Bedeutung, dann ist es diese Straße. Was da schon alles passiert ist. Ich könnte jetzt Hausnummern aufzählen, aber ich lasse es. Mit wem ich diese Straße alles verbinde. Wieviel Teile meiner Identität mit dieser Straße zu tun haben. Denken wir für den Rest des Textes die Jungbuschstraße als Wirbelsäule meiner Identität. Jedenfalls, die herzliche Line, der schüchterne Jens und die sprudelnde M. (es sprudelt aber immer nur, wenn man es schüttelt) im C., weil da die Band unseres Vertrauens spielte (wobei einer davon überlegt aus der Musikmacherei auszusteigen und Manipulator zu werden und ein anderer davon früher ein netter Junge war und nun zur Gottwiegeilichbin-Fraktion gewechselt ist, man wundert sich jedenfalls etwas…). Ich war erstmal leicht müde, nüchtern und schüchtern, vorsichtig und gehemmt. Auf hab acht, statt bei mir selbst zu sein.

Es ist nämlich so: Ich praktiziere grundsätzlich Selbsthemmung, aber an manchen Abenden Enthemmung (die Autorin dankt dem Universum für Drogen, zum Beispiel in Form von Alkohol). Ich bin dann enthemmt, wenn ich natürlich bin und mir keine Grenzen setze. Die Grenzsetzungen, die Schwarz-Weiß-Malerei, das Ganz-oder-garnicht-Verhalten, die ich zuhauf an den Tag lege, sind begründet in unverarbeiteten transkulturellen Identitätskonflikten. Sozialisationsbedingt bin ich etwas orientierungslos, deshalb halte ich mich verbissen an Dingen fest und liebe Ausschluss und Differenzbildung. Ordnung im Geist, Psychohygiene. Weil ich in mir drin extrem unordentlich bin. Weil ich weiß, dass alles relativ ist. Chaotische Alltagsrealität. Dreck im Gesicht. Tod am Hafen. Kennen wir ja schon. An zuviel Sagrotan sollen aber auch schon Menschen zugrunde gegangen sein, meine Liebe, also lass das Chaos zu. Mit Wein zum Beispiel. Rotwein über alles. Eigentlich trinke ich im C. zur Enthemmung immer Zweigelt, heute Cabernet Sauvignon. Nicht ganz so gut. Mein Lieblingskoch ist nicht da, schade. Das C. ist nämlich auch so ein Ort. Es riecht nach Geschichte, unserer Geschichte. Es war eine Etappe unseres Lebens.

Mannheim. Da liess es sich ohne Mann aushalten, ohne ernsthafte Beziehung jedenfalls. Und während ich in den letzten Zügen meiner 20er steckte, war ich unter anderem Dienstleisterin für Akademiker – Sklaven des Impact Factors und der Drittmittelhascherei – und 20-Jährige, zu denen der Entwicklungsabstand erst kaum bemerkt wurde, um schließlich immer alarmierender ins Bewusstsein zu rücken: Unsere Kinder. Unsere Poster-Kinder, unsere ungeduldigen Druck-Kinder, unsere Studis, unsere Spätpubertierenden, unsere Party-Kinder, unsere Sich-Abchecker, unsere Kleinherdentiere, unsere Kicherer, unsere Klausurlerner, unsere Ungedulds-Kinder, unsere Erstis, unsere Kreutzer, unsere nervösen Examenskandidaten, unsere Nervensägen, unsere Heulbojen, unsere bekifft vor facebook-flackernden Bildschirmen schlafende Testosteron-Sprüher, unsere H&M-Schickeria, unsere Geheimnisvollen, unsere Unheimlichen, unsere Pornogucker, unsere Gebührendiskutierer, unsere verschämt Guckenden, unsere Kinder. Moment, ich war doch vor Kurzem auch erst so. Und trotzdem ist das Erwachsenwerden so gnadenlos, dass man sich kaum zurück versetzen oder gar erinnern kann, wie es war, bevor man älter wurde. War auch ich einmal so unfrei/unreif/unsicher?

Jedenfalls: M. Mein Engel mit Schnauze, lieb und nett, agressiv und destruktiv. Kollegin, Freundin, Verbündete. Man sagte uns gar eine Ehe nach. Nicht nur verarzteten wir gemeinsam unsere Kinder, Akademiker und Menschen-Handwerker, nein, privat ging auch eine ganze Menge. Denn wir mussten raus aus diesem akademischen Umfeld, dieser ausgedachten Welt. Und da die Kaffeepausen im sogenannten “Paradies” nicht reichten (“Currywurst mit Pommes, wea hod Körriworschd mit Bommes bestellt?”) um genug Konfrontation mit den gemeinen Mannheimern und der realen Welt abzubekommen, gingen wir nach einiger Überlegung (“wir müssen etwas tun” – “es muss etwas passieren”) und Konzeptschreiberei am sonnigen Rhein schnurstrakst in den verruchten, aber eigentlich ziemlich harmlosen Stadtteil Jungbusch und lernten dort Musiker, Künstler, Türken, Mystiker, Alkoholiker, 68er, Hipster, schräge Typen, interessante Menschen und Mannheimer Originale kennen. Immer mit Frau Gentri F. Izierung im Nacken, dieser blöden Sau. Soviel jedenfalls in aller Kürze zu diesem Ort und meinem/unserem Platz darin.

Die Line lebt im Jungle. Und der Lieblingskoch auch. Und der Journalist auch. Und der schüchterne Jens lebte mit der Line und vier anderen, aber diese WG wird auch ständig neu konstruiert. Jedenfalls saßen wir gestern Abend am Katzentisch. Das ist der Tisch, an dem die Musiker immer sitzen, lauschten der Musik und ich schaute dabei auf die Oberarme des lustigen Schlagzeugers (“ihr sitzt ja immer noch da, bin ich nicht laut genug?”). Oberarme sind beim Mann das was bei der Frau der Ausschnitt ist. Lecker. Aber ich war ja noch gehemmt. Also verbot ich mir meinen sofortig einsetzenden mentalen Durchfall, der mich mit dem Körper des Schlagzeugers in Verbindung brachte, um das mal ganz diplomatisch zu sagen. Schöne Oberarme, schöne Hände. Die Hände sind beim Mann das, was bei der Frau die Brüste sind.

Das Publikum war sehr jung und wir kannten während des ersten Sets kaum jemanden. Was seltam selten ist. Während des zweiten Sets war das schon anders. Und als dann fertig war und wir gingen, standen ein paar Posterkinder vor der Tür. Die Posterkinder kommen auch manchmal in den Jungle. Mich irritiert das immer ein wenig, weil ich dann die Grenzen schließen muss, wobei der Zweigelt und ich doch erst gerade ein Schengener-Abkommen zur Öffnung geschlossen hatten.  Also schnell weg, zumal Mr. Whisky da auch herum stand. Ein langfristiges Alkohlproblem von mir. Höchste Zeit zu gehen… aber nicht ohne noch die obligatorischen Komplimente für mein Fahrrad mitzunehmen. Ich bekomme von Männern immer Komplimente für mein Fahrrad.

Während ich noch leicht im Post-Whisky-Zustand war (hätte ich bleiben sollen, hätte ich ein Gespräch anfangen sollen, meine übliche Reaktion), gingen wir weiter ins O. Dort unverhofft gute elektronische Musik. Ahhh, elektronische Musik, my love. Das und drei Moscow-Mules waren eine hervorragende Ablenkung. Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass im O. getanzt wurde. Aber gestern tanzten eine erlesene handvoll Menschen mit gutem Geschmack zu guter Musik. Ich stehe gerade sehr auf diesen organischen, wabernden Elektro mit afrikanischen oder lateinamerikanischen Ryhthmen drin. Sogar Jens hat getanzt. Es macht Spaß zu sehen, wie die Nicht-Enthemmten etwas auf die Enthemmten neidisch sind. Was man sich dort auch schön anschauen konnte, ist wie sozial anstrengend doch Menschen mit unausgegorener Persönlichkeit sind. Die sind nämlich nicht echt, teilweise boshaft und verhalten sich ausgrenzend-abweisend. Damit meine ich diese ganze Grüßen oder Nicht-Grüßen-Geschichte. Das Sich-Anerkennen oder das Ignorieren. Das verstehe ich nicht. Entweder ich kenne einen Menschen und grüße ihn (man kann das durchaus knapp halten) oder ich kenne jemanden nicht. Seltsames Gehabe. Da lobe ich mir die Herzlichkeit der Line, was ich ihr auch gleich gesagt habe. Und sie meinte, das gehe für sie gar nicht anders. Nur das sei es wert, gelebt zu werden. Sie hat ja so recht! Der neue türkische Besitzer des Ladens schaute sich in dieser ganzen Zeit vom Tresen aus diese partisierende Menschenmischung mit Sorge und Verwunderung an und bat den DJ dann irgendwann leiser zu machen.

Man trifft natürlich doch wieder ein paar der üblichen Verdächtigen. Da ich mittlerweile auf funktionale Weise enthemmt war, lief es auch mit dem Anlabern ganz gut. Einen Drink ausgegeben bekommen. Den Namen des DJs erfahren (schön). Ein wenig geflirtet. Mir krasse Sachen habe sagen lassen (von einem mit ähnlichem Vibrationshintergrund): Ok gut, ich mit meinen harten Prinzipien. Mehr Chaos zulassen. Gut. Nichts planen. Gut. Ok. Wabern. Ok. Ok. Ok. Ich versuche es ja. Meinen Marktverkäufer getroffen und den Jungen von der Fahrradparade. Dieses sich beim Weggehen nahe am Gesicht unterhalten, mag ich außerordentlich gerne. Es ist so intim, man ist sich plötzlich so nahe. Kurz realisiert, dass ich scheinbar anziehend sein kann. Das tut gut. Ich mochte den Abend dann doch noch sehr.

Statt in die D2, wo alle noch hinwollten, sind wir dann beim Türken gelandet und haben um 4 Uhr nachts lecker gegessen. Lammspieße. Nach dem Feiern noch etwas zu essen ist auch wie so ein Ritual. Ich will das nicht verlieren, nur weil ich bald 30 bin. Ich will weiter gute Musik hören, mich mit Freunden gehen lassen, tanzen und Gespräche nahe am Ohr führen. Genau das ist Glück. Wenn Dinge passieren, an die man nicht gedacht hatte. Wenn Dinge anders kommen, als man sie sich ausmalt. Wenn man es schafft, es sich gar nicht mehr auszumalen. Keinen Plan haben, oder nur einen groben. Das Leben sich entwickeln lassen. Hatte ich diese Erkenntnis nicht schon einmal? Nichts kaputtzubewerten oder kaputtzufantasieren. Wie schaffe ich es mich dauerhaft zu befreien? Ich bin auf dem Weg… Italian state of mind. Mehr Rotwein!

Nach Hause gekommen, glücklich gewesen und nur leicht angetrunken. An diesen Abenden ist meine Zuneigung zu Mannheim unheimlich groß. Die neue Freiheit liegt darin, trotzdem loslassen zu können, ohne dass es schmerzt. Ich will gehen, ohne dass es schmerzt. Sich nicht an Erinnerungen festhalten, sondern den Moment richtig er/leben.

— Zugabe 1 —

“Wir sollten unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Beobachtung unseres Gegenstandes richten, sondern auch auf die Art und Weise der Beobachtung unseres Gegenstandes.” – A. Pott: Identität und Raum, in: Kulturelle Geografien, 2007.

— Zugabe 2 —

Sie suchten nach Bildern zu “Buschnacht”.

Leider keine Treffer.

Meinten Sie “beechnut”?

Nein, *seuftz*, meinte ich nicht!

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Verantwortung

26. September 2011

“Trotz Globalisierung bleibt die überschaubare lokale Ebene die unmittelbare Erfahrungswelt für die alltäglichen Lebenszusammenhänge der Menschen.”

~ Hartmut Sangmeister ~

heißt:

Was ich nicht unmittelbar in meinem Alltag sehe oder erlebe, rückt in den Hintergrund und ist somit nicht Teil meiner Realität. Das ist leider bei vielen Menschen der Fall und erklärt so manches unethisches Verhalten im Alltag, mit dem wir alle mehr oder weniger konfrontiert sind. Nur weil ich etwas nicht selbst tue, heißt nicht, dass ich es auch nicht zu verantworten habe. Mit meinen täglichen Konsumentscheidungen gehe ich Verantwortung ein, auch wenn ich dem Endprodukt fast nie ansehe, wie es zustande gekommen ist. Schade! Wenn so ein H&M-T-Shirt twittern könnte: “Werde gerade von einem 6-Jährigen zusammen genäht… I like!”

Zusammenhänge erkennen, sie aus dem Hintergrund holen, ich denke, das ist für gebildete, ethisch reflektierende und verantwortungsbewusste Menschen eine Ehrensache. Wir können nicht 100% ethisch sein, aber wir können versuchen, mehr Bewusstsein für die Auswirkungen unserer Handlungen zu entwickeln.

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Aerofobia

29. Juni 2011

Señoras y señores pasajeros,

pasajeros pasajeros,

todo pasa, pasajeros.

Dejele nomás,

que ya se le pasará.

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Airplane

25. Juni 2011

Airplane

Airplane flying

I, on the airplane

The airplane

Flying

But still,

though it flew

The airplane´s

The sky?

(Haruki Murakami – Airplane)

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Ausbrechen

7. Februar 2011

Es ist doch so: Wir sind sozial konstruiert. Aber selbst wenn wir diese uns anerzogenen bzw. angelernten Strukturen reflektieren, so ist es doch schwierig, ihnen zu entkommen. Ich halte mich z.B. für eine alternative Person, die nach etwas Übergeordnetem strebt. Übergeordnet nicht im Sinne von elitär, sondern im Sinne von ganzheitlich, über dem Kleinklein des Alltags stehend, ja vielleicht sogar transzendierend.

Wenn ich also frei wäre, z.B. von finanziellen Dingen, dann würde ich… ja, was würde ich dann eigentlich? Wäre ich so mutig und würde alles stehen und liegen lassen, einen Rucksack packen und einfach loslaufen und gucken was passiert? Nein, ich fürchte nicht. Weil dieses mir Anerzogene, dieses Anerlernte, diese sozial vermittelte Weltkonstruktion mich weiterhin prägt. Ich kann nicht einfach ausbrechen. Aber ich würde gerne. Ich glaube, darin liegt echte Freiheit: Auszubrechen aus allem bisher Erlernten, Gedachten, Angenommenen. Frei sein von Konventionen. Heißt dies aber auch, dass ich dann nicht mehr sozial fähig bin. Muss man zum Eremit werden? Nunja, eigentlich sind wir ja alle schon Eremiten. In uns drin, sind nur wir. Das müsste doch eigentlich auch reichen. :-)

Gestern kurz zum ersten Mal das Gefühl hervorgeholt (irgendwo aus der tiefen, tiefen Versenkung), in einem Flugzeug zu sitzen und wo anders hinzufliegen, wo ganz anders. Und sich dabei zu freuen. Echt zu freuen.

Ich nähere mich.

Und ich höre das hier.

Und es verursacht Resonanzen. Große Schwingungen. Sehr große. :-)

Esta tristeza mia
Este dolor tan grande,
Los llevo muy profundos
Pués me han dejado
Solo en el mundo.

Ya ni llorar es bueno
Cuando no hay esperanza,
Ya ni el vino me intiga
Las penas amargas
Que a mi me matan.

Yo no se que será de mi suerte
Que de mi no se acuerda ni Dios,
Hay pobres de mis ojos
Como han llorado por su traición.

“hay amorcito y no se aguite compa Lupe,
que los hombres de adeveras
si le lloramos a las mujeres”
“alla nos vemos en Fresnillo chiquita”

Yo no se que será de mi suerte
Que de mi no se acuerda ni Dios,
Hay pobres de mis ojos
Como han llorado por su traición.

(Lupillo Rivera)

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Das Dumme ist nur…

23. September 2010
dass die Mehrheit dich nicht in Ruhe lässt. Dauernd wollen sie etwas von dir. Einen Fahrschein, ein Zeugnis, eine Aussage, ein Rezept, eine Meinung, eine Erklärung, eine Entschuldigung, ein Gefühl, eine Zusage, eine Verabredung, einen Vertrag oder auch nur eine Idee für ihr völlig langweiliges und immer gleiches Leben.”

Sebastian Schlösser
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Mein Sommer

14. August 2010

… nachdem die Sonne in Urlaub ging:

  • Es war hier in letzter Zeit so ruhig weil ich einen tief vergrabenen Teil von mir selbst wieder hervorgeholt und belebt habe. Das ist mit eines der wichtigsten Dinge, die in meinem Leben bisher passiert sind. Und ich bin sehr stolz darauf. Von innen verstehe ich mich jetzt besser, von außen bin ich jetzt noch unverstehbarer.
  • Einraumhaus. Sehr schönes Konzert. Und die Kunst mit dem Kasettenband hat gefallen.
  • Von 23-Jährigem unter dem Vorwand rumänischer Austauschstudent zu sein, angelabert worden: “Do you know Café Lavandou? Maybe we could go there have some wine and then make love afterwards?”
  • Am nächsten Tag: Lavandou. Tee trinkend mit einer Freundin. So sieht es nämlich aus.
  • Jedes Jahr eine schwere Geburt: Lohnsteuererklärung. Angeblich ein Monatsgehalt zurück. Hübsches Kind. :-)
  • Theater: Norma im Werkhaus. Grandios.
  • Film: London Nights. Achja. Seuftz. Wenn es doch bloß so einfach wäre.
  • Master läuft tröpfchenweise. Muss besser werden.
  • Arbeit ist entspannt, weil die Kinder im Urlaub sind. Aber immer dann kommen ein paar gruselige Kollegen aus Ihren Ecken hervorgekrochen und stiften Unruhe.
  • Film: Auf der anderen Seite. Geheult.
  • Ehrenamt macht Arbeit. Anfang 20-Jährige, die von nix ne Ahnung haben, geben einem süße Tipps. In meinem Kopf bildet sich das nur für ganz auserwählte Fälle reservierte F-Wort.  MAL über MICH SELBST nachdenken? Been doing that for the past 28 years, du blöde F.
  • Die Plastikmadonna. Sehr süße Graphic Novel.
  • Ich komme arrogant rüber. Hmmmm, warum bloß? Ja mei, wenn die Doofen glauben, ich sei arrogant, habe ich damit kein Problem. Aber könnte das auch die Guten abhalten? (*erschrockenes Gesicht*) Wirke ich unantastbar? Unansprechbar? Streng? Das wäre fatal! Ok, vielleicht mehr lächeln? :-) Schon besser.
  • Mark Terkessidis: Interkultur. Sehr lesenswert.
  • Musik: Südamerikanisch. Tape.tv hat leider nix davon. (War ja klar.)

In einer Woche bin ich für drei Wochen weg. Paris. BCN. Costa Blanca. Und dann wieder in MA. Beloved MA.

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Sünden

14. Februar 2010

Zwei Mal pro Jahr lese ich den Spiegel und zwar beim Zahnarzt. Dieses Jahr bringt meine Mutter die Statistik durcheinander, indem Sie mir den Spiegel zur Krankheitsaufmunterung mitbringt. Ich lese den Artikel über Sünde und finde allerlei Interessantes und von mir an diesem Ort auch schon vielfältig Thematisiertes:

Hochmut und Eitelkeit

“Doch sind wir anders, sind wir besser? Wir legen den Kopf in den Nacken, und da es unter einem entgötterten Himmel niemanden mehr gibt, den wir anbeten können, nehmen wir mit ein paar Kinoplakaten vorlieb, und jedes davon ruft uns den Vorwurf zu: Wir sind perfekt, warum seid ihr es nicht, ihr Würmer?

Das ist mittlerweile ein Alltagsvorwurf, in jeder Großstadt das gleiche Spießrutenlaufen. Am Times Square in New York sieht dieser Vorwurf nicht anders aus als auf Berlins Unter den Linden und auf jeder anderen Innenstadtmeile. Haushoch räkeln sich die Models auf Plakatwänden, um Taschen zu verkaufen oder Unterwäsche, aber in erster Linie wohl sich selbst und ihre Schönheit.

Sie flirten mit uns, und sie schüchtern uns ein in ihrer Perfektion, ein Trommelfeuer aus trägen Blicken, durchtrainierten Torsi, endlosen Beinen, die auf eine neue Gefechtslage schließen lassen. Das Motto: Die Welt können wir nicht verbessern, aber wir können unser Aussehen optimieren.”

Habgier

Klar, die Finanzkrise.

Wollust

“Die Wollust ist Fast Food geworden. Sie ist jederzeit greifbar. Über einen Mausklick rülpsen die Porno-Seiten jede ihrer Spielarten auf den Bildschirm. Das Top-Video der Internetseite Youporn wurde mehr als 35 Millionen Mal geklickt. Die Phantasie ist optisch totgeschlagen. Unter Sexualität verstehen Jugendliche heute Analverkehr. Ein 13-Jähriger fragt seine Mutter: “Mama, was ist eigentlich Faustficken?”

Wollust ist im wahrsten Wortsinn ein abgefucktes und kaltes Geschäft geworden, ohne jedes Interesse an echter Lust oder Ekstase oder gar Liebe.”

“Schon bevor die Hysterisierung um die Sexualität begann (…), mahnte Schopenhauer zur Gelassenheit: “Wozu der Lärm? Wozu das Drängen, Toben, die Angst und die Not? Es handelt sich ja bloß darum, dass jeder Hans seine Grete finde.” Kann man die Wollust endgültiger und cooler zur Hölle schicken?”

Zorn

Bush´s Terrorantwort.

Völlerei

“Die Völlerei ist der Wollust als beliebteste Todsünde dicht auf den Fersen. Erstaunlich, wie sehr der Kult um das Essen wieder in den Mittelpunkt gerückt ist. Wer Eindruck machen will bei seinen Freunden, verfügt über eine Bulthaup-Küche und probiert gewagte Cross-over-Rezepte aus. Wenn Lafer und Lichter bei Lanz vor den TV-Kameras die Schürze umbinden, sind Hochämter angesagt.

Tatsächlich lassen sich die Kochshows als eine Travestie des Abendmahls verstehen. Da sind die Kutten der Ministranten, die Schürzen, da sind die ehrfürchtig betrachteten Altäre (auf denen es schmurgelt und zischt), und da ist schließlich die Gemeinde im Studio, die mit Wein bei Laune gehalten wird.”

Neid

” (…) unsere Gesellschaft, die eine des ständigen Vergleichs ist.”

Trägheit des Herzens

“Machen wir uns nichts vor: Trotz aller Spendengalas und “Sorgenkind”-Aktionen sind wir, in unserer Wagenburg Europa, doch eine recht traurige Veranstaltung gefühlloser Couch-Potatoes, und wer daran noch zweifelt, zappe sich einen Abend lang durch die Privatsender. Im Ernst glauben wir an nicht viel mehr als an uns selbst und die Bundesliga-Ergebnisse. Ab und zu Bilder von erschöpften Afrikanern am Strand Fuerteventuras. Wir dagegen schaukeln überdrüssig auf der Dünung unserer Wohlstandsgesellschaft, und je besser es uns geht, desto trübsinniger werden wir.”

“Nun ist die Seelenträgheit womöglich ein Effekt der Globalisierung, die uns jederzeit alle verfügbaren Schreckensmeldungen aus allen Winkeln der Erde zuträgt. Mit den Informationsfluten zum Elend steigt die Ohnmacht darüber.”

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Schön, wenn man anderswo auch mal das liest, was man denkt. Und was ist das Rezept des Spiegels?

“Der Weg aus der Schuld läuft allein über tiefempfundene Reue.”

und

“Die Theologie spricht von der “Apokatastasis” am Ende aller Tage, wenn Gott die Welt wieder in ihren sündenfreien Urzustand versetzt. Das ist der Moment der Allversöhnung, auf den sie hoffen können. Einstweilen werden wir wohl mit der Hölle vorlieb nehmen müssen, die wir uns selber bereiten.”

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