Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz schrieb ein Journalist einen Artikel in einer Zeitung, der von der kleinen Marie gelesen wurde. Marie konnte als 13jährige nie verstehen, was da los war. Sie war nicht dumm, aber wer kann sich schon etwas vorstellen, mit dem man im Geringsten nie etwas zu tun hatte? Wer kann sich Gewalt vorstellen, wenn er sie nie selbst erlebt hat? Deshalb bat Marie ihren Deutschlehrer immer, er solle ihr Dokumentarfilme zeigen. Sie empfand gegenüber diesem Thema keine starken Empfindungen und fühlte sich nicht angemessen. Sie dachte, die Dokumentarfilme könnten ihr Auschwitz und all den Greul näher bringen. Aber der Deutschlehrer sagte, sie sei dafür zu jung.
Nun liest Marie den Artikel in der Zeitung und sie beginnt zu verstehen, bzw. erinnert sich daran, dass man das nie vergessen darf. Sie fühlt die Angst, die sie hätte, wenn sie jemand jetzt ohne Recht und Grund dazu aus ihrer Wohnung holen würde und in einen Zug stecken und weit weg fahren ließe. Wer garantiert uns, dass dies nie wieder der Fall sein wird? Ist unsere Sicherheit, unsere Demokratie denn sicher, verlässlich und durch nichts erschütterbar?
Die kleine Marie fragt sich auch, wenn sie da drin gesessen hätte, im unglaublichen Auschwitz, und die Welt würde weitergehen, ob sie dann verrückt geworden wäre? Vermutlich schon. Wie kann die Welt weiter so sein wie sie ist, außerhalb der Stacheldrähte, der Mauer, wenn drinnen solch Greultaten passieren? Marie würde aufhören an alles zu glauben, wenn es ihr so schlecht gehen würde, wie es den Gefangenen in Auschwitz ging und die Vögel würden weiterhin singen und die Leute würden weiterhin einkaufen gehen und Partys feiern.
Das Leben täuscht wenn es gut ist, es wiegt einen in falscher Sicherheit. Als in Argentinien die Leute gefoltert wurden, liefen 10 Meter weiter Passanten zum Park, ich meine: Jemandem geht es schlecht und die Welt geht weiter, so als wäre nichts, als wäre alles gut, das ist nicht auszuhalten. Da ist keine Spur von Individualität, von Selbstwert, von Lebenssinn wenn die Welt einen Dreck auf einen gibt und der einzige Grund des Wohlergehens der Zufall ist, der grausame willkürliche Zufall. Dann zählt nichts was ich tue und sein lasse, dann zählt nichts was passiert, egal mit wem, egal wie. Keine Gerechtigkeit. Kein Sinn. Was soll das alles hier? Was zählt? An was kann man sich halten?



