Archiv für die Kategorie ‘Gewalt’

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Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit

2. Februar 2005

und auch Gerechtigkeit nicht. Und hier sitzen wir, uns geht es gut – vergessen wir all unsere kleinen, belanglosen Probleme – und wir müssten jeden Moment dankbar dafür sein, für all die Gerechtigkeit, die uns wiederfährt und die Freiheit in der wir leben dürfen. Ich muss keine Angst haben, das bewaffnete Männer in meine Wohnung stürmen und mich ohne plausiblen Grund festnehmen, in ein Loch sperren und mich vergammeln lassen.

Ich denke darüber nach, warum ich Gerechtigkeit genießen darf und andere nicht. Ich komme auf keine gute Erklärung, ich weiß es nicht, warum es mir gut geht. Vielleicht geht es mir gut um zu helfen. Ich fühle mich in solchen Momenten so blöd, wie ich manchmal über Nichtigkeiten nachdenke, während andere auf Minen treten oder gefoltert werden.

Ich frage mich: Wenn mir jemand eine Ungerechtigkeit antun würde, würde die Welt auch nur einen Moment innehalten? Nein. Wer garantiert mir meine Sicherrheit, außer die Gewohnheit, die alles für gegeben nimmt?

Ich denke, ich habe Verpflichtungen auf Grund dessen, dass es mir gut geht.

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60. Jahrestag – Befreiung Auschwitz

27. Januar 2005

Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz schrieb ein Journalist einen Artikel in einer Zeitung, der von der kleinen Marie gelesen wurde. Marie konnte als 13jährige nie verstehen, was da los war. Sie war nicht dumm, aber wer kann sich schon etwas vorstellen, mit dem man im Geringsten nie etwas zu tun hatte? Wer kann sich Gewalt vorstellen, wenn er sie nie selbst erlebt hat? Deshalb bat Marie ihren Deutschlehrer immer, er solle ihr Dokumentarfilme zeigen. Sie empfand gegenüber diesem Thema keine starken Empfindungen und fühlte sich nicht angemessen. Sie dachte, die Dokumentarfilme könnten ihr Auschwitz und all den Greul näher bringen. Aber der Deutschlehrer sagte, sie sei dafür zu jung.

Nun liest Marie den Artikel in der Zeitung und sie beginnt zu verstehen, bzw. erinnert sich daran, dass man das nie vergessen darf. Sie fühlt die Angst, die sie hätte, wenn sie jemand jetzt ohne Recht und Grund dazu aus ihrer Wohnung holen würde und in einen Zug stecken und weit weg fahren ließe. Wer garantiert uns, dass dies nie wieder der Fall sein wird? Ist unsere Sicherheit, unsere Demokratie denn sicher, verlässlich und durch nichts erschütterbar?

Die kleine Marie fragt sich auch, wenn sie da drin gesessen hätte, im unglaublichen Auschwitz, und die Welt würde weitergehen, ob sie dann verrückt geworden wäre? Vermutlich schon. Wie kann die Welt weiter so sein wie sie ist, außerhalb der Stacheldrähte, der Mauer, wenn drinnen solch Greultaten passieren? Marie würde aufhören an alles zu glauben, wenn es ihr so schlecht gehen würde, wie es den Gefangenen in Auschwitz ging und die Vögel würden weiterhin singen und die Leute würden weiterhin einkaufen gehen und Partys feiern.

Das Leben täuscht wenn es gut ist, es wiegt einen in falscher Sicherheit. Als in Argentinien die Leute gefoltert wurden, liefen 10 Meter weiter Passanten zum Park, ich meine: Jemandem geht es schlecht und die Welt geht weiter, so als wäre nichts, als wäre alles gut, das ist nicht auszuhalten. Da ist keine Spur von Individualität, von Selbstwert, von Lebenssinn wenn die Welt einen Dreck auf einen gibt und der einzige Grund des Wohlergehens der Zufall ist, der grausame willkürliche Zufall. Dann zählt nichts was ich tue und sein lasse, dann zählt nichts was passiert, egal mit wem, egal wie. Keine Gerechtigkeit. Kein Sinn. Was soll das alles hier? Was zählt? An was kann man sich halten?

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Am Bahnhof sieht man Schreckliches

10. August 2003

Ich stehe am Bahnhof, nicht an dem Ende wo ich normalerweise stehe, sondern etwas weiter vorne, wegen einer Baustelle. Heute war ein warmer Tag, trotzdem wurde auf dem gegenüberliegenden Gleis gebaut. Und zwar war dort ein spektakulärer Kran aufgefahren, mit einer imposanten Bohrvorrichtung, denn es wird an einer Unterführung gebaut. Ich laufe also nach vorne, wegen der Baustelle, und komme an einer Dreiergruppe vorbei; ein dickbäuchiger Mann, ein unscheinbares blondes, dickes Mädchen und ein Mädchen, ja, ein Mädchen mit roten Wuschelhaaren. Sie hat eine Jeans an und ein Bikinioberteil und sitzt auf einer Stange zum Fahrräder anschliessen. Ihr Rücken ist etwas pickelig, sie ist sehr weiss. Alle drei lachen laut und unangenehm und sie wirft ihren Kopf dabei in den Nacken, sie hat einen großen Mund. Ich gehe vor, an ihnen vorbei, um bis an das Schild zu kommen, welches über die Baustelle informiert, denn ich will wissen, wie lange das noch gehen soll. Ich laufe an ihnen vorbei und nehme aus den Augenwinkeln etwas ungewöhnliches an den Armen des Mädchens mit Wuschelhaaren wahr.

Alles rot. Sehr rot im Gegensatz zu ihrer weissen Haut. Ein Heer von Narben. Ich kann nicht anders, ich muss nochmal hinsehen. Von ihren Schulter abwärts bis hin zu ihren Handgelenken, der Anblick ist einfach unbegreiflich, ein Schnitt nach dem anderen, tiefe Schnitte, offensichtlich genähte Schnitte, wulstige Narben, mal senkrecht, mal waagrecht, mal quer, dazwischen Zigarettenverbrennungen: eine Schlacht. Schnell gehe ich zurück, kann gar nicht begreifen, was ich da gesehen habe. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand den Hals zugeschnürt. Es sieht so unglaublich kaputt aus.

Ich stehe hinter ihnen, bei den Fahrrädern und versuche das was ich gerade gesehen habe, einzuordnen. Mir wird andeutungsweise schlecht, ich gucke auf den Kran, um mich abzulenken. Habe mich selten so unwirklich gefühlt, habe das kranke Verlangen wieder hinzuschauen, weil ich es nicht glauben kann: Ich bin an einem Kleinstadtbahnhof, an einem der sonnigsten Tage in diesem Jahr und sehe so etwas Unbegreifliches. Was um Himmels Willen muss ihr zugestossen sein, was muss in ihr vorgegangen sein, sich so etwas anzutun. Wie kann sie da sitzen, im Bikinioberteil und überhaupt noch leben. Wer sich so etwas antut, wie kann man lachen und in der Sonne sitzen und die Blicke ertragen. Aber vielleicht ist das, was ich da sehe, harmlos im Gegensatz zu ihrem Inneren.

Der Zug fährt ein. Sie läuft vor mir, zusammen mit dem anderen Mädchen. Ich steige hinter ihr ein und laufe hinter ihr durch die Gänge. Ich kann sehen, wie den Leuten, die sie sehen, das Gesicht herunterfällt. Als würden Masken fallen, steht den Leuten blankes Entsetzen in den Augen, Ekel, Unverständnis.

Ich setze mich in ein leeres Abteil. Die Sonne scheint, ich fühle mich unwohl.