jeden Tag mehr ich selbst? Und: Werde ich radikaler?
Ich glaube, ich kann mehr ich selbst sein, mich mehr finden, seitdem ich Single bin. Eine Beziehung lenkt da irgendwie ab. Ich bin unabhängig (bis auf meinen Arbeitgeber) und ich werde immer linker. Nicht, dass ich das schlecht finde – ganz im Gegenteil, weil um einen herum alles angepasster wird – , aber ich merke, wie ich weiter und immer weiter weg von der “Mitte der Gesellschaft” rutsche.
Dabei hab ich in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, sehr sehr sehr weit weg zu sein, aber manchmal – je nachdem auf was für einer Veranstaltung man so ist – denke ich mir: Ah, es gibt doch ein paar Menschen, die ähnliche Werte haben, ähnlich denken. Aber das reicht nicht, man muss auch tun. Man muss tun!
Ich versuche vorerst im Kleinen zu tun. Da gibt es eine ganze Menge. Aber es tut weh, zu sehen, dass nicht viele diese Einsicht haben. Dass man belächelt wird und ein bisschen ein Freak ist. (Lieber ein Freak als eine angepasste Tussi.) Muss ich denn nach Freiburg ziehen um mich nicht ganz als die totale Außenseiterin zu fühlen?
Wissen Sie, was ich glaube? Dass wir in eine Welt hineingeboren werden, in der sich niemand die Zeit nimmt, der zu werden, der er ist – und all diese Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen Menschen, die sich diese Zeit nehmen.
(Sean Penn)
Ich verstehe nicht, wie wir alle so vor uns hin leben können: Arbeiten, studieren, uns unterhalten lassen (vom Fernseher oder Musik hörend), hier mal krank sein, da mal eine gescheiterte Beziehung, hier mal fett einkaufen gehen, da mal eine Reise in die DomRep, hier mal ein Kinderwagen für 500 Euro, da mal mein Audi, hier mal schnell zum Lidl gefahren, der 30 Km entfernt ist, da mal schnell mit Billigflieger nach London, hier mal dick die Heizung in meiner 8-Zimmer-Wohnung aufgedreht und im T-Shirt durch die Gegend gerannt, da mal schnell mit 8000 anderen Bekloppten Weihnachtskonsumterror in der Fußgängerzone gemacht, hier mal schnell Tickets für eine Kabarett gekauft, da 6 Std. lang Videos auf YouTube angeschaut, hier Alkohol getrunken und diesen Mann klargemacht, hier mal “I love college, I love women” gehört, dumm gegrinst und Bier getrunken…
Das ist der zum Scheitern verurteilte Versuch sein langweiliges, weich ausstaffiertes Leben mit Sinn zu füllen. Das ist kein Glück, kann niemals Glück sein! Ein großer Flachbildfernsehr macht nicht glücklich. Eine Pseudo-Ehe auch nicht. Mancher stellt es erst mit 50 fest, kennt dann aber keine Alternativen.
Der Tod gibt dem Leben seinen Sinn. Es sind die Religionen, die das umdrehen, all diese menschenvernichtenden Religionen. Alle. Das ist der Lärm, der mich so ankotzt. Ich vertraue darauf, dass die Menschen eine Religion haben. Als Individuen, nicht als Gruppe. Wie bitte, man muss zu einem Club gehören, um etwas glauben zu dürfen? Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann und worin sich die Wissenschaft und die Religion einig sind: Wir werden sterben. Wenn wir den Tod akzeptieren als die einzige wirkliche Veränderung in unserem Leben, dann haben wir auch die Möglichkeit, ein paar Antworten darauf zu finden, was wir mit unserem Leben anfangen sollen.
(Sean Penn)
Ich sehe zu viele aufwühlende Filme: Revolución, Baader-Meinhof-Komplex, The Age of Stupid, Garden State und gestern Abend “Into the Wild“. Und dieser Film hat mich sehr berührt. Sean Penn ist ein Leuchtturm.
Ich weiß nicht, wohin das alles führt, aber es fühlt sich grundsätzlich gut an, obwohl manchmal auch Gefühle wie Wut, Hilflosigkeit, Einsamkeit dazu gehören. Es führt irgendwo hin. Zum Tod sicherlich. Aber das ist ja sowieso unser aller Ziel. ;-)