Archiv für die Kategorie ‘OBJEKTorientiert’

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Objektorientierte Geschichten: Gefälschte Handtaschen

10. August 2008

Frauen und Männer dieser Welt, lernt Jerome kennen. Jerome ist Franzose, dunkelhaarig gelockt, schlacksiger Körperbau mit einer steilen Nase, die voll von seinem Biologie-Studium ist. Weshalb er sich letzten Freitag spontan ein Interrailticket gekauft hat und damit nach Barcelona gefahren ist. Die Fahrt war anstrengend, aber lustig, da er zwei Gleichaltrige aus Indonesien getroffen hat, die per EuroDomino Ticket durch Europa fahren, aussteigen, ein Foto machen und wieder einsteigen. Nur um am Ende ihrer Reise festzustellen, dass sie nun wissen, dass sich die Toiletten der französischen und der italienischen Nachtzüge gleichen, dass die Deutsche Bahn die schönsten Züge mit den unterkühltesten Schaffnern hat und dass sie mehr über die Verbindungen zwischen den Städten, als über die Städte selbst wissen.

Völlig übermüdet und verschwitzt kommt Jerome in Barcelona an. Unter den Brücken, die in die Stadt hinein führen und an denen der Zug vorbeifährt, sieht er schwarze Menschen hausen. Sie sind sehr schwarz und haben vermutlich 7.000 Euro dafür bezahlt, dass sie hier sind. Nun fährt der Zug unterirdisch und er kann sie nicht mehr sehen.

Er steigt an der Plaza de Catalunya zum ersten Mal an die Oberfläche. Sofort gerät er in einen riesigen Schwarm voller Mücken. Die Viecher sitzen im Café, gucken ihn mit ihren grün schimmernden Facettenaugen sinnentleert an, schlürfen an ihren Getränken und sind so unzulänglich bekleidet, dass man ihre weißen, haarigen Beine sieht und bei der weiblichen Spezies Blicke ins Innerste ermöglichen. Jeromes Kopf schmerzt. Kann das sein? Oder was waren das für Tickets gestern, die ihm die indonesischen Gleichaltrigen angeboten hatten? Er schüttelt sich, guckt nochmals zu den zahlreichen Straßencafés hinüber. Ach, es sind doch nur die Paket-Touristen, 5 Tage Barcelona für 250 Euro. Prost! Wer will da 7.000 Euro an irgendwelche Marrokaner zahlen, die einem nur eine sehr ungemütliche Überfahrt mit ungewissem Ziel anbieten?

Zwischen den Touristen breiten auf den Bürgersteigen Schwarzafrikaner Laken aus, auf denen sie gefälschte Handtaschen (Prada, Gucci, Fendi, YSL, Louis Vuitton) anbieten. An jeder Ecke des Lakens eine Schnur, die in der Mitte zu einer Schlinge zusammen führt. Jerome schlendert in der elenden Abendhitze die Ramblas entlang. Touristen, Bierdosen verkaufende Straßenhändler, geschlossene Blumenläden, Artisten, get-your-comic-in-20-min, Trickbetrüger und dazwischen die Schwarzafrikaner mit ihren aufmerksamen weißen Augen. Sie gucken rechts, sie gucken links. Nice bag for the lady, Mister?

Vielleicht hätte er doch mit seinen Eltern nach Deauville fahren sollen? Immer dieser Scheiß. Er hat keine Lust mehr auf das Familiengetue, keine Lust mehr auf die Mädchen reicher Eltern, die sich alle gleichen. Die alle diesen Taschen hinterher rennen. Lächerlich. Deshalb ist er hier, inmitten dieser Masse. Plötzlich heult neben ihm eine Polizeisirene auf (”Tonino tonino toninooo”). Wie in einer perfekten Choreografie, ziehen alle Schwarzafrikaner gleichzeitig an ihrer Schlinge, alles verschwindet in dem Sack aus Laken und ein schwarzer Schwarm rennt unter lauten Rufen hinein ins Barrio Gótico, in dessen engen, nach Urin stinkenden Gässchen die Flucht vor dem Polizeitauto erneut möglich ist. Die Ware ist gerettet.

Jerome bleibt weitere 5 Tage, es geht noch billiger als 250 Euro, um schließlich zurück nach Frankreich zu fahren und über der Kategorisierung von Ameisenarten dieses Elend schnell wieder zu vergessen. So wie wir alle, denen es gut geht und die hier und da zwar davon hören, dass es anderen nicht so gut geht. Denen es kurz leid tut, die tatsächlich den Bruchteil einer Sekunde eine gewisse Dankbarkeit verspüren, von der die meisten aber nicht wissen, an wen sie diese richten sollen, und die dann weiter machen. Wie bisher. Während da draussen alle zwei Wochen Leute ertrinken, die für eine Überfahrt in einem schlecht geflickten, verrosteten Kahn mehr zahlen als so manche für 3 Wochen DomRep Halbpansion.

Frauen und Männer dieser Welt, lernt Jerome kennen.

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Objektorientierte Geschichten: Der Botschafter

7. November 2004

Der nicaraguayische Botschafter war vor dem Regen, der seit Tagen die Stadt in eine Ansammlung von Rinnsälen, Bächen, Flüssen und Tropfsteinhöhlen verwandelt hatte, in das spanische Kulturinstitut geflüchtet. Hier drinnen ist es warm, alle reden die geliebte Muttersprache und sind freundlich, dachte sich der exquisit, jedoch nicht mehr ganz aktuell gekleidete Botschafter. Draußen war es unvorstellbar kalt, die Deutschen waren ihm ein vollkommen fremdes Volk und er war froh, für ein paar Stunden sicher vor ihnen zu sein.

Er hatte seinen Schirm, grauen Mantel und Hut bei dem zuvorkommenden Herren am Empfang abgegeben, war zum Fahrstuhl gegangen und hatte dort den obersten Knopf gedrückt und sich während der kurzen Fahrt das Jacket glatt gestrichen und seine Krawattennadel zurechtgerückt, die eine dunkelrosa Krawatte in vertikaler Form an seinem stattlichen Oberkörper befestigte.

Das hatte er nie gewollt, in einem kalten, verkrampften, so wenig herzlichen Land wie Deutschland zu leben. Es waren nicht einmal die USA geworden, damit hätte er sich ja noch anfreunden können, auch wenn er die Gringos nicht besonders mochte, aber man hätte öfter heimfliegen können. Nun saß er in Europa, und seine Botschaft war nicht einmal halb so groß wie die der anderen europäischen Länder. Und sein Land verfügte auch nicht über genug Geld um ein solch schönes Kulturinstitut mit einer so prächtigen Bibliothek zu finanzieren, weshalb er auf die Spanier ein wenig eifersüchtig war. Und gleichzeitig dankbar, dass sie ihm einen Platz geschenkt hatten, der wärmer war, als das kalte und viel zu korrekte Deutschland. Hier ließ sich aber auch gar nichts unter der Hand regeln. All seine Fähigkeiten, die ganzen diplomatischen Tricks, waren hier nicht so einfach anzuwenden wie in seiner Heimat Lateinamerika.

Aber nun: Hinein in die gute Stube, dachte sich der Botschafter. Er lief aus dem Aufzug hinaus und trat ein in die Stille, Wärme und Geborgenheit der Bibliothek.

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Objektorientierte Geschichten: Das Mädchen, das die wahre Liebe suchte

2. Januar 2001

Die erste, auf die sie so lange gehofft hatte, ging auf Grund verschiedener Erwartungen sehr schief und hinterließ ihr für den Rest des Lebens die Unfähigkeit jemals wieder auf das Heidelberger Schloss steigen zu können, denn es bestand das Risiko, dass ihr Herz brechen würde. Also stellte sie sich eines Tages in den Aufenthaltsraum für ältere Schüler in ihrer Schule, guckte sich um und suchte sich den Jungen aus, der ihrer vorigen Liebe am ähnlichsten sah. Mein Gott, dachte ich mir als ich diese Geschichte hörte, ist das nicht grausam? Ein richtig kompletter Ersatz war er. Und ein schlechter dazu, denn dieser lange, kommunistische Bengel war nicht nur ein ganz Gescheiter, sondern war darüber hinaus noch auf offene Beziehungen eingestellt und nicht zu verändern. Offene Beziehung? fragte ich sie. Ja ja, er wolle sich nicht an eine binden, das würde seinen Geist so einschränken. Ach so, alles klar.

So wie sie war, bog sie sich in dem roten Wind wie ein dünner Grashalm. Der Herr sagte, er wünsche eine offene Beziehung und der Grashalm beugte sich und bekam ein paar Knicke. Ein paar habe ich gesagt, aber trotzdem ein paar für das ganze Leben. Bald legte sich doch auch der Sturm, die Knicke jedoch, die blieben. Sie wollte ein letztes Mal mit dem roten Bengel „Dinge klären“, ja das wollte sie, und die Klärung fand an einem Montag in besagtem Aufenthaltsraum für ältere Schüler statt:

Mädchen (zerknickter Grashalm-Blick): Hallo roter Bengel. Und, wie geht´s dir so?

Roter Bengel (von oben herab): Ach hallo, lang nicht mehr gesehen. Ja doch ganz gut. Und dir? Was machst du so?

Mädchen (lächelnd): Na ja, Schule und so. (zuckt mit den Schultern, kurze Pause, dann wieder Grashalm-Blick) Ich dachte, wir könnten mal reden, wie es mit uns beiden weitergeht…

Roter Bengel (ohne zu zucken): Ja, lass uns reden… (lange Pause, irgendwo klingelt mehrere Male ein Handy) Sagmal, ist das dein Handy?

Mädchen (verstört): Meins? Nein.

Roter Bengel: Ah ja, gut. (es klingelt, die große Pause ist zu Ende) Ok, bis später. Wir sehen uns bestimmt noch mal.

Mädchen (aus dem ein grüner Saft quillt): Ja, bestimmt… (ihre Stimme versagt)

Ihr nächster Versuch war ein kleiner Psychopath, der eigentlich schon eine Freundin hatte. Diese, nennen wir sie Tina, wohnte tief im Odenwald, denn sie hatte schon immer nach oben gestrebt, was aber nicht heißen will, dass sie heilig war. Der Psychopath und das Mädchen fuhren gemeinsam in seiner wackligen Karre zu ihr hin, doch die süße Tina peilte nichts. Sie trank immer brav die zwei Flaschen Sekt, welche die beiden ihr mitbrachten und aschte anschließend auf ihr dreckiges Bett, dass sie mit ihrem Aschenbecher verwechselte. Obwohl sie ein Handy hatte, mit dem sie gegebenenfalls eine Ambulanz anrufen konnte, denn Tina hatte ganz schreckliche Magenprobleme, konnte er sie einfach nicht lassen und mit ihr Schluss machen. So erklärte er es jedenfalls dem Mädchen. Er mache sich Sorgen.

Deshalb fuhr er jeden Tag in den hochstrebenden Odenwald und machte weiß Gott was mit dieser Tina. Er erfülle nur seine Pflichten, sagte er zu dem Mädchen, dass sich nicht vorstellen konnte, dass zwischen den beiden noch irgend etwas lief, denn bei dieser süßen Tina lief ja sowieso gar nichts mehr außer rauchen, kiffen und trinken, was sie ein bisschen beruhigte und was sie davon abhielt, ihrem neuen Lover ständig damit auf die Nerven zu fallen, er solle doch endlich mit der dicken Qualle Schluss machen.

Aber so ganz ohne Schaden ließ sie das ganze ja doch nicht. Deshalb gab es immer eine große Heulerei. Zumindest war er mit ihr ins Bett gegangen, was das Mädchen bereits seit längerem gewollt hatte, da ihre beste Freundin es ja schon lange hinter sich hatte. Der Psychopath war ein Mega-Liebhaber. Das sagte er jedenfalls: wenn ich dir deine Perle lecke dann fällst du und kommst nie wieder auf. Die Realität sah ganz anders aus: er hatte überall Wunden an den Beinen, nur sein Oberkörper war genießbar und außerdem brannte ihre Perle immer danach, da er so komischen Selbstbräuner im Gesicht hatte.

Wenn das Mädchen alleine zu Hause in ihrem Zimmer war, sang sie „I´m not in love. So don´t forget, it´s just a silly phase I am going through. And just because I call you up, don´t get me wrong, don’t think you got me now. I am not in love, no no.” Aber, wie alle Jungs zuvor, hatte er sie natürlich doch und es war mehr als eine schwache Phase in der sie sich befand. Sie kam folglich nicht ohne Schaden davon. Der Grashalm knickte sich, aber wann er brach ist heute nicht mehr nachzuvollziehen.

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Objektorientierte Geschichten: Straßenbahn

30. August 2000

Ich sitze in der Straßenbahn und hatte noch nie ein derartiges Eckelgefühl. Um mich herum sitzen alte Leute, die nach Urin und Schweiß riechen. Gebadet haben die sich schon lange nicht mehr, ist ja auch schwer wenn man so alt ist, klar. Dann zwei dicke blonde Mütter mit kaputten Haaren und Babys, denen man sofort ansieht, dass sie mal Schlägertypen werden. Das eine Baby isst gerade eine Bifi (in dem Alter schon so grobes Fleisch!) und schmeißt den angesabberten Rest auf seine Mutter, die ihm dafür eine scheuert. So ein Gebrüll! Bestimmt kriegt das die Mutter von ihrem Schlägerjungen alles wieder zurück.

Dann der Typ gegenüber: ein Mund wie ein Fisch, eine Brille wie ein Richter aus den 60er Jahren, Sandalen in Kindergröße, Socken mit hellblauen Autos drauf und ein fettverschmiertes T-shirt. Außerdem spannt er die Füße ständig an, so dass seine Sandalen schon ganz krumm sind. Nebenbei kaute er Nägel. Mensch, der ist doch mindestens 35!

Links von mir eine türkische Familie: im Gegensatz zu den Schlägerbabys ist deren Kind eine Schönheit. Aber leider Gottes hat man ihm ein Fake-Handy aus rosa Plastik in die Hand gegeben, welches die ganze Zeit klingelt. Das Kind geht dran, redet auch mit der imaginären Stimme, aber das Handy klingelt weiter. Reichen nicht schon die Klingeltöne der echten Handys? Es ist ja nicht zum Aushalten!

Zu meiner Bestätigung klingelt gleich noch eins. Die Tussi, die es ausschaltet, hat helllila Lidschatten drauf und bestimmt einen Tanga an, da ich keine Abdrücke von Unterhosen an ihr erkennen kann. Neben dem tollen Arsch, hat sie aber auch ein Arschgesicht, wie alle hier drin. Nicht einen schönen Menschen sehe ich hier. Und eigentlich finde ich Menschen sehr schön, fast immer. Aber es scheint mir so, als hätte mich Gott in eine Straßenbahn voller Eckel gesteckt. Gleich bin ich da.