Habe gerade den Abschiedsbrief von Ramón Sampedro gelesen. Lebender Kopf, toter Körper. So hat er sich beschrieben. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht und in die bekannten Grübeleien gestürzt.
Was bin ich? Ich bin doch alles was ich bin. Sein im Sinne von Fleisch, Blut und Geist.
Also bin ich meine Hand, ich bin mein Fuß, mein Bauch, mein Kopf, mein Gehirn, meine Augen. All das bin ich. Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich bin eigentlich nur all das zusammen, oder? Ich bin Hand UND Fuss UND Bauch UND Kopf. Ich bin meine Gedanken und all meine Organe. Ich bin Kopf und Körper.
Wenn ich mir nun ein Finger abschneide, bin ich dann noch ich? Oder bin ich ICH – FINGER (ich minus mein Finger). Ich würde sagen, ich bin weiterhin ich, jedoch mit physischen Einschränkungen. Das gleiche mit der Hand, ich bleibe ich. Das gleiche mit dem Arm, ich bleibe ich. Das gleiche mit beiden Beinen, ich bleibe ich. Das gleiche mit allen Extremitäten, ich bleibe ich mit erheblichen physischen Einschränkungen.
Sagen wir, ich spüre wegen eines Unfalls nichts mehr außer mein Gesicht. Mein Gehirn funktioniert, ich kann mich mit der Welt verständigen. Ich kann nur kaum etwas unternehmen. Physisch ist fast nichts mehr möglich. Ich bin ich mit extremen physischen Einschränkungen. Einschränkungen, die so groß sind, dass ich eigentlich gar nicht mehr ich sein kann. Ich bin ich, aber ich kann das ich wie es ist nicht mehr sein. Also bin ich etwas weniger ich, als das ich mit allen Organen. (Gibt es einen Unterschied zwischen physisch nicht vorhanden und psychisch/emotional nicht vorhanden? Also ein Unterschied zw. Nicht-Fühlen und Nicht-Vorhandensein?).
Sagen wir, ich bin nur noch mein Gehirn + alle lebensnotwendigen Organe. Ich kann keinerlei Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen. Bin ich dann noch ich? Ich bin ich, kurz vorm Durchdrehen. Keiner weiß, dass ich bin. Oder zumindest: Man weiß, dass ich bin, aber man weiß nicht was ich bin oder wie ich bin und ich weiß nicht wie die anderen sind. Und wir haben keine Möglichkeit zu kommunizieren. Bin ich dann noch ich? Bin ich reine Gedanken? Weil fühlen könnte ich ja nichts mehr. Außer vielleicht, jemand zwickt mich in mein Gehirn. Seltsam: Es gibt das rein geistige Gehirn (die Gedanken) und es gibt das rein biologische Gehirn (die Erde, das Wasser, die Sonne, aufgrund derer die Gedanken existieren können). Als erstes, bzw. als allerletztes ist das biologische Gehirn. Ohne dieses gibt es kein ich. Ohne dieses kann es kein ich geben. Nicht anders herum. (Aufgeschrieben, können Gedanken weiterhin existieren, aber sie können nicht gedacht werden, nur nach-gedacht werden).
Diese Gedanken sind nicht ganz korrekt. Denn sie berücksichtigen nicht, dass ein Gehirn, wie ich es jetzt, mit 24 Jahren habe, nicht von Anfang an so ist. Denn: Sagen wir, ich wäre von der Geburt an nur mein Gehirn. Biologie + Geist, sonst nichts. Ich wäre nicht ich. Denn ich würde nichts lernen, ich würde nichts kennen, ich würde nichts wissen. Keine Kommunikation. Stillstand.
Also bin ich: Biologie + Geist + Erfahrung (also Lebensjahre). Ich bin Fleisch + Blut, Geist und Erfahrung (Kommunikation, Austausch zw. meinem Geist und der Umwelt). Heißt dies dann auch, dass ich jedes Jahr, das ich lebe, mehr ich werde? Eigenartiger? Mehr ich, weniger nichts? Weniger „normal“? Weniger „alle“? Mehr Ego? Mehr ich.
Wir brauchen unseren Körper. Aber warum? Warum reicht nicht unser Gehirn allein? Weil unser Körper uns eigentlich erst die Kommunikation, den Austausch, die Erfahrung ermöglicht. Er ist unser Begleiter. Er ist unsere – mehr oder weniger treue – Exekutive. Ohne Körper sind wir nichts. Oder zumindest wenig. Es sei denn, wir hatten jahrelang einen Begleiter. Dann ist unser Geist die Witwe des Körpers. Aber ist der Schmerz über sein nicht mehr Vorhandensein, bzw. über seine Unfühlbarkeit, ist dieser nicht so groß, dass der Geist Sehnsucht kriegt? Unendliche Sehnsucht nach einem Begleiter. Er vermisst seinen Begleiter, weil er die Welt nicht mehr so erleben kann, wie früher, als alles funktionierte. Als die gesamte Exekutive treu, einsatzbereit und –willig war.
Sterbehilfe. Warum redet keiner darüber? Es gibt Situationen, die man nicht mehr aushalten kann. Was bringt das Gehirn alleine? Wenig, sehr sehr sehr wenig. Man ist eigentlich kein ICH mehr. Oder? Wer nicht mehr möchte, der soll auch nicht müssen. Finde ich.