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Am Bahnhof sieht man Schreckliches

10. August 2003

Ich stehe am Bahnhof, nicht an dem Ende wo ich normalerweise stehe, sondern etwas weiter vorne, wegen einer Baustelle. Heute war ein warmer Tag, trotzdem wurde auf dem gegenüberliegenden Gleis gebaut. Und zwar war dort ein spektakulärer Kran aufgefahren, mit einer imposanten Bohrvorrichtung, denn es wird an einer Unterführung gebaut. Ich laufe also nach vorne, wegen der Baustelle, und komme an einer Dreiergruppe vorbei; ein dickbäuchiger Mann, ein unscheinbares blondes, dickes Mädchen und ein Mädchen, ja, ein Mädchen mit roten Wuschelhaaren. Sie hat eine Jeans an und ein Bikinioberteil und sitzt auf einer Stange zum Fahrräder anschliessen. Ihr Rücken ist etwas pickelig, sie ist sehr weiss. Alle drei lachen laut und unangenehm und sie wirft ihren Kopf dabei in den Nacken, sie hat einen großen Mund. Ich gehe vor, an ihnen vorbei, um bis an das Schild zu kommen, welches über die Baustelle informiert, denn ich will wissen, wie lange das noch gehen soll. Ich laufe an ihnen vorbei und nehme aus den Augenwinkeln etwas ungewöhnliches an den Armen des Mädchens mit Wuschelhaaren wahr.

Alles rot. Sehr rot im Gegensatz zu ihrer weissen Haut. Ein Heer von Narben. Ich kann nicht anders, ich muss nochmal hinsehen. Von ihren Schulter abwärts bis hin zu ihren Handgelenken, der Anblick ist einfach unbegreiflich, ein Schnitt nach dem anderen, tiefe Schnitte, offensichtlich genähte Schnitte, wulstige Narben, mal senkrecht, mal waagrecht, mal quer, dazwischen Zigarettenverbrennungen: eine Schlacht. Schnell gehe ich zurück, kann gar nicht begreifen, was ich da gesehen habe. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand den Hals zugeschnürt. Es sieht so unglaublich kaputt aus.

Ich stehe hinter ihnen, bei den Fahrrädern und versuche das was ich gerade gesehen habe, einzuordnen. Mir wird andeutungsweise schlecht, ich gucke auf den Kran, um mich abzulenken. Habe mich selten so unwirklich gefühlt, habe das kranke Verlangen wieder hinzuschauen, weil ich es nicht glauben kann: Ich bin an einem Kleinstadtbahnhof, an einem der sonnigsten Tage in diesem Jahr und sehe so etwas Unbegreifliches. Was um Himmels Willen muss ihr zugestossen sein, was muss in ihr vorgegangen sein, sich so etwas anzutun. Wie kann sie da sitzen, im Bikinioberteil und überhaupt noch leben. Wer sich so etwas antut, wie kann man lachen und in der Sonne sitzen und die Blicke ertragen. Aber vielleicht ist das, was ich da sehe, harmlos im Gegensatz zu ihrem Inneren.

Der Zug fährt ein. Sie läuft vor mir, zusammen mit dem anderen Mädchen. Ich steige hinter ihr ein und laufe hinter ihr durch die Gänge. Ich kann sehen, wie den Leuten, die sie sehen, das Gesicht herunterfällt. Als würden Masken fallen, steht den Leuten blankes Entsetzen in den Augen, Ekel, Unverständnis.

Ich setze mich in ein leeres Abteil. Die Sonne scheint, ich fühle mich unwohl.

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