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Objektorientierte Geschichten: Der Botschafter

7. November 2004

Der nicaraguayische Botschafter war vor dem Regen, der seit Tagen die Stadt in eine Ansammlung von Rinnsälen, Bächen, Flüssen und Tropfsteinhöhlen verwandelt hatte, in das spanische Kulturinstitut geflüchtet. Hier drinnen ist es warm, alle reden die geliebte Muttersprache und sind freundlich, dachte sich der exquisit, jedoch nicht mehr ganz aktuell gekleidete Botschafter. Draußen war es unvorstellbar kalt, die Deutschen waren ihm ein vollkommen fremdes Volk und er war froh, für ein paar Stunden sicher vor ihnen zu sein.

Er hatte seinen Schirm, grauen Mantel und Hut bei dem zuvorkommenden Herren am Empfang abgegeben, war zum Fahrstuhl gegangen und hatte dort den obersten Knopf gedrückt und sich während der kurzen Fahrt das Jacket glatt gestrichen und seine Krawattennadel zurechtgerückt, die eine dunkelrosa Krawatte in vertikaler Form an seinem stattlichen Oberkörper befestigte.

Das hatte er nie gewollt, in einem kalten, verkrampften, so wenig herzlichen Land wie Deutschland zu leben. Es waren nicht einmal die USA geworden, damit hätte er sich ja noch anfreunden können, auch wenn er die Gringos nicht besonders mochte, aber man hätte öfter heimfliegen können. Nun saß er in Europa, und seine Botschaft war nicht einmal halb so groß wie die der anderen europäischen Länder. Und sein Land verfügte auch nicht über genug Geld um ein solch schönes Kulturinstitut mit einer so prächtigen Bibliothek zu finanzieren, weshalb er auf die Spanier ein wenig eifersüchtig war. Und gleichzeitig dankbar, dass sie ihm einen Platz geschenkt hatten, der wärmer war, als das kalte und viel zu korrekte Deutschland. Hier ließ sich aber auch gar nichts unter der Hand regeln. All seine Fähigkeiten, die ganzen diplomatischen Tricks, waren hier nicht so einfach anzuwenden wie in seiner Heimat Lateinamerika.

Aber nun: Hinein in die gute Stube, dachte sich der Botschafter. Er lief aus dem Aufzug hinaus und trat ein in die Stille, Wärme und Geborgenheit der Bibliothek.

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