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Das Institut

25. April 2008

Kommen Sie mit mir in das Institut. Eine wissenschaftliche Einrichtung des Landes, vor wenigen Jahren auf Initiative der Landesregierung und einiger sie weise beratenden Korifeen gegründet. In kurzer Zeit sich zu einer der renommiertesten Forschungseinrichtungen auf ihrem Fachgebiet entwickelten Institution. Wachsende Mitarbeiterzahlen im wissenschaftlichen Bereich bei gleichbleibend schlanker Verwaltung und zunehmendem Drittmittelaufkommmen. Angestrebte Internationalisierung und Verbesserung der länderübergreifenden Kooperation. Erweiterung der Forschungsgebiete, vielfältiger Methodenkanon, zunehmende Anzahl an Forschungs- und Beratungsprojekten. Flache Hierarchien, gute kollegiale Atmosphäre, Ideenreichtum und Freude an Innovation, gelebte Gleichberechtigung, erkenntnisförderne Integration von Jung und Alt, familienfreundlich, unbürokratisch, kurz: Eine Vorzeigeinstitution. Brennende Fackel der Wissenschaft, des Respekts und der gegenseitigen Wertschätzung.

Nun treten Sie doch ein, keine falsche Schüchternheit, Sie sind herzlich willkommen. Wir bewegen uns durch die weitläufige, helle Eingangshalle. Freundliche, immer hilfsbereite Empfangsdamen (und -herren, bedenken Sie, wir leben Gleichberechtigung!) begrüßen Sie und zeigen Ihnen kompetent den Weg zur Ihren Gesprächspartnern, der Institutsleitung. Ein Anruf und Sie werden von der adretten Sekretärin in einen angenehm temperierten, mit neuester Technologie ausgestatteten Besprechungsraum geführt. Dort sitzt man schon und wartet auf Sie. Man begrüßt Sie freundlich, redet über Wetter und Anfahrt und überbrückt so, unverbindlich, aber sympathisch, die kurze Zeit bis die Personalreferentin eintritt. Sie ist irgendwas zwischen peinlich und geil, wird Ihnen einer der ältesten Kollegen mit Leitungsfunktion etwa ein Jahr später bei der Weihnachtsfeier gestehen. Aber das wissen Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erwartungsfroh und mit keckem Blick sieht sie Sie an. Sie stellen sich vor, viele berechtige Fragen werden gestellt, Ihre Kompetenz und Erfahrung gelobt und schließlich kommt man schnell überein, dass Sie bald zu den Glücklichen gehören werden, denen es eine besondere Ehre ist, in diesen heiligen Hallen an etwas Großem mitarbeiten und teilhaben zu dürfen. Hier können Sie sich entwickeln, fortbilden und lernen. Nette Kollegen werden Sie betreuen und Sie stets zuvorkommend in das wissenschaftliche Umfeld einführen. Wissenschaftler brauchen schließlich eine besonders aufmerksame Betreuung.

Nach Abschluss des äußerst informativen und freundlichen Gesprächs begegnen Sie auf Ihrem Weg nach unten der Putzfrau im Aufzug. Sie wissen jetzt noch nicht, dass diese hübsche Frau mit sorgfältig geknotetem Kittel in weniger als sechs Monaten in genau diesem Fahrstuhl entrüstet zu Ihnen sagen wird, dass man hier einen Porno drehen könne, gerade habe sie erneut jemanden bei einer ganz unwissenschaftlichen Tätigkeit im Archiv erwischt. Zu Recht!, wie Sie in sechs Monaten und zwei Wochen selbst an eigenem Leibe erfahren dürfen, als ihre attraktive wissenschaftliche Hilfskraft Sie ganz ungwohnt bei ihrer geistigen Arbeit stört und Sie, nach kurzer Entkleidung, ungestüm daran erinnert, dass jeder Kopf, auch der eines Wissenschaftlers, auf einem Körper sitzt. Dem können Sie nur zustimmen. Und: Es dient der Wissenschaft! Wie flott geht das Paper danach aus der Hand, wie mühelos beherrschen Sie anschließend das Editieren der Formeln mit LaTex, wie schnell sind die Literaturangaben Korrektur gelesen, wenn Ihre wissenschaftliche Hilfskraft bei Ihnen war. Da lohnen sich die 7,82 Euro pro Stunde für den Steuerzahler allemal!

Aber: Sie sind immer noch im Aufzug. Und Sie wissen ebenfalls nicht, dass Sie selbst in sieben Monaten Ihre Tutorin, eine gebildete Frau mit PhD aus Harvard, dabei überraschen werden wie sie mit einem Kollegen, der letztes Jahr den begehrten Nachwuchspreis für junge Wissenschaftler erhalten hat, ganz unwissenschaftlich an seinem Schreibtisch steht, während er im Eifer des Gefechts auf der Tastatur sitzt und nicht mehr aufhören zu scheinende As in ihr Gutachten für den Wissenschaftsrat einfügt. Zum Glück stellt die EDV Sicherungskopien bereit!

Wie gesagt: Sie sind noch völlig unberührt, jungfräulich und haben noch nicht an eigenem Leibe gespürt, dass der Teppich der Bibliothek böse Kratzspuren an den Knien und Unterarmen hinterlässt, die Regale scheinbar nicht ganz erschütterungsfest sind und Zeitschriften auch keine ideale Unterlage darstellen. Sie wissen noch nicht, was Freitag und Samstag abends in der Kaffeküche, lediglich erhellt durch das Notausgangslicht, geschieht. Sie haben beim Gießen der Topfpflanzen noch keine Überbleibseln der Nacht flüchtig vergraben gefunden. Auch die halbangebrochenen Sektflaschen im Kühlschrank werden Ihnen frühestens in drei Monaten auffallen. Was Sie allerdings schon bald bemerken werden, ist, dass mangelnde wissenschaftliche Erfahrungen bei Hilfskräften kein Hinderungsgrund zur Einstellung sind, solange sie im Vorstellungsgespräch einen Hang zu devotem Verhalten kund tun.

Dies wird die beste Zeit Ihres Lebens. Solange Sie keine Konflikte mit Kollegen herbeiführen oder diskret genug sind, solange Ihr Stehvermögen Ihrem wissenschaftlichen Anspruch entspricht, solange Sie nicht darauf bestehen, als erster auf einer Publikation genannt zu werden, weil Sie Ihrer Mitschreibenden ein paar Glücksmomente beschert haben. Solange wird dies Ihr Zuhause sein. Danach müssen Sie gehen. Aber jetzt kommen Sie erst einmal. Kommen Sie!

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa

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