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Was ist real?

20. Februar 2009

Und ein Fachmann ist ein Mensch, der seiner Phantasie nur Vorstellungen erlaubt, die sein Verstand in Wirklichkeit verwandeln kann. Also wird nur noch das Allermöglichste gedacht. Das Nicht-sofort-mögliche ist das Unmögliche. Und das Unmögliche zu Denken ist dem Fachmann lächerlich. (Martin Walser)

In den letzten Tagen mache ich mir viele Gedanken über das was real ist. Angeregt durch Diskussionen in meinem Blog, angeregt durch die Erfahrung, dass 4 Tage Schneewelt einen völlig aus dem Alltag entfernen und man plötzlich singend und klatschend im Auto sitzt und sich des Lebens freut wie ein kleines Kind. Dann stellt sich noch die Frage nach der Wirksamkeit von Homöopathie und Schulmedizin. Und die Frage: Ist ein mehrmaliges Anlächeln schon Grund genug um anzunehmen, dass jemand an einem interessiert ist? Welche Rolle spielen Wahrnehmung und Einbildung? Im Prinzip wäre nämlich, wenn man konsequent ist, alles Einbildung was man glaubt wahrzunehmen. Das sagt zumindest der radikale Konstruktivismus.

Was ist wahr? Im Beickpackzettel eines Medikaments steht bspw. als Nebenwirkung Selbstmordgedanken und Suizid. Mir stellt sich nur die Frage: Woher wollen die Leute denn wissen, ob die Selbstmordgedanken mit dem Medikament zusammen hängen? Vielleicht haben diese Selbstmordgedanken etwas mit der Krankheit zu tun. Ich glaube nämlich letzteres. Aber wirklich wissen können wir es nicht. Oder doch? Wir könnten das Medikament einfach Leuten geben, die nichts haben. Tun wir aber nicht, weil es böse ist. Und auch das wäre noch keine neutrale Testumgebung. Eigentlich bräuchte man Leute, die nicht wissen, was sie da nehmen, weil sie quasi unbeeinflusst sind. Und das wäre dann richtig böse. Deshalb tun wir es nicht. Und nehmen lieber Tiere. Aber die können uns ihre Selbstmordgedanken nicht mitteilen. Herrje!

Was ist also real? Das ist defintiv Definitionssache. Real ist doch letztendlich für mich das, was ich mir gerade einbilde zu erleben, zu fühlen, zu sehen. Das heißt wir schweben alle in unserer kleinen Blase herum und stoßen vielleicht mal aneinander. Ich bin der Meinung ich sehe scheiße aus. Andere Leute sehen das anders. Ich bin der Meinung heute sei schönes Wetter. Andere Leute sehen das anders. Ich bin der Meinung meine Einstellung ist die einzige Option für vernünftige Leute ;-) und die anderen denken vermutlich genau das Gleiche über sich. Ohje!

Unter dieser Prämisse ist es quasi fast unmöglich, miteinander zu kommunizieren. Sich wirklich so verständlich zu machen, dass der andere genau nachvollziehen kann, was ich ausdrücken will, ist quasi unmöglich. Wobei es da sicherlich wieder Gebiete gibt, bei denen dies einfacher möglich ist (Fakten) und Gebiete, bei denen man auf überhaupt keinen gemeinsamen Zweig kommen kann (Gefühle). In meinem Studienbrief lese ich dazu: „Kommunikation ist ein komplexer Vorgang, in dessen Verlauf Sinnangebote unterbreitet und in vielfältigen Rückkopplungen von Kommunikationspartnern mit dem Ziel bearbeitet werden, zu einer gemeinsamen Orientierung im gesellschaftlichen Miteinander zu gelangen. Solche Orientierung richtet sich nicht nach einer naiv als gegeben angenommenen Wirklichkeit, sondern nach Verabredungen, was als Wirklichkeit angenommen werden soll. Kommunikation besteht darin, Angebote gemeinsamer Orientierung zu machen und über deren Akzeptanz Verstehen herbeizuführen.“ Das klingt vernünftig.

Und weiterhin frage ich mich: Was sind wir? Wie werden wir zu dem was wir sind? Wie konstituiert sich das Subjekt (um es mal soziologisch zu formulieren)? Ich denke da an die Faktoren: Biologie (Genetik), Sozialisation (Umfeld) und Gesellschaft (übergeordneter Wirkungsrahmen). Konstituiert sich das Individuum also aus Genetik, Umfeld und Wirkungsrahmen? Was haben Erfahrungen, was hat Lernen damit zu tun, wie wir sind? Was hat Reisen damit zu tun, wie wir sind? Was hat unser Geburtsort damit zu tun, wer wir sind? Was für einen Einfluss haben unsere Eltern, unsere Freunde? Kann ich mir als Elternteil überhaupt die Kapuze des „Erziehers“ überstülpen? Kann ich mir überhaupt einbilden, ich könne mein Kind auch nur annähernd formen?

Halten wir also fest: Wir sind Produkte unterschiedlichster Einflüsse. Da jeder anders wahrnimmt, etwas anderes erlebt und anders geprägt wird, gibt es Individuen. Individuen sind individuell (sagenhafte Erkenntnis). Und zwar derart, dass sie einzigartig sind und zwar so einzigartig, dass das was sie sind von keinem wirklich 100% nachvollzogen werden kann. (Polarkreis18 singt dazu: „Wir sind allein. Allein, allein. Allein, allein.“) So können wir uns also nur damit abgeben, uns anzunähern. Uns mit den Blasen anzustupsen (statt mit Facebook). Wir können nur beständig versuchen zu verstehen und tolerant zu sein. Und das ist die Handlungsmaxime, wie ich finde: Versuchen sich mitzuteilen, versuchen zu verstehen. Tolerant sein. Niemals aufgeben. Denken ohne Geländer. Alles in Frage stellen. An nichts festhalten (denn das verursacht nach buddhistischer Denkweise das ganze Leid). Und das nennt man dann Leben im Fluss. Panta rhei.

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4 Kommentare

  1. Hierzu noch eine Ergänzung, die ich gerade lese und die wieder in die Richtung Radikaler Konstruktivismus geht, aber auch einleuchtet:

    „Es gibt keinen unmittelbaren Zugriff des Menschen auf die außer ihm liegende Realität. Jeder dieser Bezüge ist bereits vermittelt – zumindest durch die Sprache. Also besitzt der Mensch die Wirklichkeit nur in Gestalt eines symbolischen Universums. Dies besteht aus einer autonomen Schöpfung des menschlichen Geistes. Durch sie allein erblicken wir und besitzen wir das, was wir Wirklichkeit nennen.“


  2. Ich finde an dieser Position ist manches einleuchtend aber auch einiges so zugespitzt/metaphysisch ausgedrückt dass es schon wieder falsch ist.

    (1) Es gibt keinen unmittelbaren Zugriff des Menschen auf die außer ihm liegende Realität.
    Leuchtet ein, kann ich zustimmen als Realist (= ich bin der böse COP).

    (2) Also besitzt der Mensch die Wirklichkeit nur in Gestalt eines symbolischen Universums.
    Das leuchtet mir dagegen nicht ein, insbesondere das Wörtchen „besitzt“.

    (3) Durch sie allein erblicken wir und besitzen wir das, was wir Wirklichkeit nennen
    Erblicken ist für mich vielleicht okay, aber besitzen will mir wieder nicht einleuchten.

    Also dreh ich mich zu meinem Kollegen um, dem guten COP, und frage ihn was der Unterschied zwischen der Realität und dem, was Wirklichkeit genannt wird, ist. Meint der von uns Befragte dasselbe damit?

    Der-gute-COP-sagt-„ja“-Fall:
    Mhh, dann erblicken wir die ausser uns liegende Realität und wir besitzen sie (1+3). Wir besitzen also die ausser uns liegende Realität zu der wir keinen unmittelbaren Zugriff haben. Will mir nicht einleuchten.

    Der-gute-COP-sagt-„nein“-Fall:
    Dann sind es also zwei verschiedene Sachen. Dann gibt es also etwas was wir Wirklichkeit nennen und die ausserhalb von uns liegende Realität, und der Zeuge beharrt darauf, dass die beiden „Sachen“ nicht zusammenfallen. Hier läßt sich kein Widerspruch finden, ich muss dem guten COP recht geben, der Zeuge ist wohl in dieser Art und Weise zu verstehen.

    Also kratze ich mich am Kopf, „das was wir Wirklichkeit nennen“ … Der Kerl scheint aus einem anderen Land zu kommen, spricht ’ne andere Sprache, bewegt sich in einem anderen symbolischen Universum. Ich nenne nämlich die Wirklichkeit „Realität“ und umgekehrt (die Anführungzeichen sind hier übrigens richtig gesetzt). Zumindest bin ich keiner von denen, die er „wir“ nennt.* Wie würde ich denn das nennen, von dem er glaubt wir drei (es sind drei Personen im Verhörzimmer) würden es Wirklichkeit nennen? Ich denke ein bischen nach … ich würde es „unsere Vorstellung von der Realität“ nennen. Mal gucken, ob ich jetzt endlich verstehe, um was es hier eigentlich geht.

    (1) Es gibt keinen unmittelbaren Zugriff des Menschen auf die außer ihm liegende Realität.
    (2) Also besitzt der Mensch seine Vorstellung von der Realität nur in Gestalt eines symbolischen Universums.
    (3a) Durch sie allein erblicken wir die Realität.
    (3b) Durch sie allein besitzen wir das, was wir unsere Vorstellung von der Realität nennen bzw. was unsere Vorstellung von der Realität ist.

    Ja, jetzt hab ichs verstanden. Zeit für ne Zigarette und einen Verweis auf die Fussnote * um (3a) vs. (3b) zu erklären. Ich schüttel den Kopf und flüster zu meinem Kollegen „der bringt uns nicht wirklich weiter in der Angelegenheit“. Mein Kollege und ich sind nicht oft einer Meinung und zudem hatte ich einen wirklich harten Tag … aber das ist eine andere Geschichte.

    * Wenn man von dem Erblicken in (3) absieht, ich erblicke nämlich tatsächlich das was ich Wirklichkeit nenne. Zumindest rede ich so, auch wenns ganz schön überheblich klingt. Steinigt mich in eurer Vorstellung, es tut nicht !wirklich! weh.


    • Deine dialektische Antwort ist einfach herrlich! Ich mag Selbstgespräche. Rede ja in mir auch so mit mir.

      Und ich verspreche, ich steinige dich weder in deiner, noch in meiner Realität, noch in der „wahren“ dahinter liegenden Realität. Und auch nicht in meiner Vorstellung. Ob ich es allerdings in deiner tue, darauf habe ich keinen Einfluss. ;-)


  3. I recommend Donald Davidsons „On the very idea of a conceptual scheme“. He is one of the analytical guys and this article is one of the most prominent about some issues raised in your post.

    Available at:
    http://oolongiv.files.wordpress.com/2008/08/davidson_on-the-very-idea.pdf

    „The dominant metaphor of conceptual relativism, that of differing points of view, seems to betray an underlying paradox. Different points of view make sense, but only if there is a common coordinate system on which to plot them; yet the existence of a common system belies the claim of dramatic incomparability.“



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