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Europäerin?

9. September 2009

Wie schon die letzten zwei Jahre habe ich auch dieses Jahr eine Woche in Barcelona verbracht. Für mich jedes Mal wieder eine interessante Erfahrung. Erstens erfahre ich viel über Spanien (ein EU-Grenzstaat) und das Leben dort. Zweitens ist es lehrreich als Europäerin, weil man schon im Zug verschiedenen Nationalitäten begegnet. Angefangen beim Asylanten aus Senegal, der einen fragt, ob man in Deutschland „gut unterkommt“, bis hin zu schweizer Mädchen, die Philosophie studieren wollen und einem erkären, was die Schweiz im Innersten zusammenhält (im Gegensatz zu Spanien, das jedes Jahr mehr auseinanderzubrechen droht) und reizenden spanischen Omis, die zum Thema Computer sagen: „Nee, da lass ich die Finger von. Ich wische nur ab und zu den Staub ab“. (Im Original noch schöner: „Computadoras? No las toco! Solamente para quitarles el polvito de encima.“)

Ich liebe Europa und bin „inbrünstig“ Europäerin. Die Idee, Verschiedenes unter einem Dach zu haben, scheint mir nur logisch und es zeigt die Wichtigkeit auf, Toleranz zu üben. Andere Weisen zu akzeptieren und ihnen etwas abgewinnen zu können, auch wenn sie anders sind als das, was man bisher kannte. Wir können schließlich alle voneinander lernen. Auch verneige ich mich vor all denjenigen, die ihr Leben gelassen haben und lassen mussten. Nur deshalb sind wir heute an diesem Punkt. Von all dem Leid habe ich nichts mitbekommen, aber weil ich bin und sein darf, während sie nicht sein durften, will ich zumindest gedenken.

Jeder Mensch ist gleich. Sollte gleich sein. Jeder sollte würdig leben dürfen. Davon sind wir so weit entfernt. Wir können so leben, weil andere nicht so leben. (Die „Anderen“ kommen dann in Schrottbooten über das Mittelmeer, und wenn sie nicht ertrunken sind, dann leben sie noch heute von unseren Abfällen, blasen uns für 10 Euro, verkaufen uns Taschen für 50 Euro, die im Laden 50.000 kosten, ernten unsere Tomaten, damit Aldi sagen kann „Große Qualität. Kleine Preise.“). Es ist wirklich so und tut weh.

Von all dem Leid, habe ich nichts mitbekommen? Kann ich nur gedenken?

Das was ich dazu beitragen kann, damit die Welt gerechter wird, will ich tun. Was kann ich schon dafür, dass ich Europäerin bin? Nichts. Auch wenn das was in meiner Möglichkeit liegt, nur eine Kleinigkeit und ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Und auch wenn alle Korinthenkacker sagen werden, ja aber du trägst ja trotzdem Turnschuhe von Adidas. Und dann kaufst du T-Shirts aus Biobaumwolle? Und hast Ökostrom? Und kaufst fairtrade Schokolade. Du hast aber trotzdem einen iPod. Ja, verdammt! Ich kann eben nicht 100% nachhaltig sein. Aber ich mache was, ich verzichte auf einiges, was hier so zum Lebensstandard gehört, während ihr Scheißer nichts tut außer meckern und die Augen zumacht, weil das in Deutschland alles ziemlich weit weg von uns ist (im Gegensatz zu Spanien, da ist das alles sehr präsent). Der Mensch sieht nicht mehr, dass das Steak auf seinem Teller mal ein Tier war. Das gilt für grundsätzlich alles. Wir sehen keine Zusammenhänge, leben zusammenhangslos. Warum auch? Wir lernen die Tiere nie kennen. Und die Kinder nicht, die unsere Turnschuhe herstellen. Und deren Eltern, die im Meer ertrinken, nachdem sie das Ganze Geld im Dorf aufgetrieben haben um zu uns zu kommen, nach Europa. Warum bleiben sie nicht zu Hause? Warum ist Senegal nicht Deutschland?

Wir müssen für mehr Gerechtigkeit in der Welt einstehen. Es wird nie endgültige Gerechtigkeit geben (außer für die, die daran glauben, dass wir gerichtet werden, auf die eine oder andere Weise). Aber wir können das Ideal im Kopf haben. Und JEDER kann ETWAS tun.

Und wenn es nur „wählen gehen“ ist. Oder mal fairtrade Cashewnüsse kaufen, die das Doppelte kosten. Oder ein kleines Auto statt ein großes kaufen. Oder ehrenamtlich tätig werden, statt vor dem Fernseher zu versauern. Sich mit den eigenen Kindern zu beschäftigen, statt im Internet nach Pornos zu suchen. Geräte zu kaufen, die nicht nach zwei Jahren wieder kaputt sind. Nur soviele Lebensmittel kaufen, wie man wirklich braucht. Licht ausschalten. Fahrrad fahren. Hosen zweimal tragen. Oder dreimal. Mal einen Nachmittag mit der Oma verbringen. Nicht nach Dubai in Urlaub zu fliegen. Nur ein Mal pro Jahr nach Ibiza statt drei Mal. Oder noch besser nach Usedom.

Ich glaube, es steht außer Frage, wen ich wählen werde. Perfekt ist das zwar alles nicht, aber perfekt ist auf dieser Welt gar nichts. Wirklich gar nichts.

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