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Die verschlossene Stadt

27. Januar 2010

Die Stadt ist verschlossen. Alle Tore zu. Keiner kommt in den Stadtkern. Keiner weiß, wie es dort aussieht, was dort vorgeht. Selbst wenn jemand rein gelassen würde, würde diese Person verstehen? Also lieber zu. Sicherheit. Keine Verletzungen, keine Schmerzen, keine Verluste. Um die Stadt werden hundert Leute gestellt, als Ablenkungsmanöver. Es wird laut Musik angemacht und es werden rauschende Feste gefeiert. Die Stadtmauer ist von außen blau und grün bemalt, auch wenn es innen rot und gelb aussieht.

Man sagt, es gäbe Menschen, die hätten es schon auf die Mauer geschafft und hätten kurz einen Blick rein werfen können, auf das was im Stadtkern vor sich geht, was dort los ist. Sie waren so geblendet, dass sie es nicht richtig wahrnehmen konnten. Man sagt, dass sie teilweise durch Überforderung von der Mauer herunter gefallen seien. Ab und zu beratschlagen die Stadtobersten, ob man jemanden reinlassen sollte. Jemand, der aufgrund der Kriterien X und Y doch ganz passend schiene, einen Versuch wert. Aber die 5 Stadtobersten einigen sich selten und es muss Konsens geben, sonst darf keiner in die Stadt hinein.

Vor einiger Zeit wurde jemand gesehen, den 4 von 5 Stadtoberste geeignet fanden, auf geradezu sensationelle Art und Weise. Gemeinsam beackerten sie den 5., der allgemein als konservativ bekannt war und es gelang ihnen, auch ihn davon zu überzeugen, dass diese Person die Stadtgemeinschaft bereichern würde. Also machte man eines nachtens das Tor auf, erst einen Spalt, dann noch ein wenig mehr. Aber die Person traute sich nicht hinein, sondern lungerte nur vor der Stadtmauer herum. Man beschloss, das Tor öfter aufzumachen, jede Nacht für einige Stunden. Aber die Person kam nicht hinein, sondern kehrte immer wieder in ihre Heimatstadt zurück. Tagsüber lungerte sie dann wieder vor den Stadttoren und tat ganz rot und gelb. Die Stadtobersten waren außer sich. Man überlegte und beschloss sogar, die Stadtmauer hellgrün zu streichen und etwas gelb beizumischen. Aber auch das half nicht. Sollte man evtl. dauerhaft die Tore öffnen und sämtliche Personen mit Sack und Pack einmarschieren lassen? In der Hoffnung, dass ein oder zwei sich integrierten, die Wiedersprüche innerhalb der Stadt aushielten und sie bereicherten? Aber würden nicht die anderen, welche die Stadt wieder enttäuscht verließen, in fremde Städte wandern und Lügengeschichten verbreiten über das, was sich in jener Stadt zutrug? Angesichts dieser Unsicherheit beschlossen die Stadtobersten auf Vorschlag des konservativen Skeptikers unter ihnen, lieber doch erneut alle Tore zu verschließen und unter sich zu bleiben.

Die Stadt ist verschlossen. Alle Tore zu. Keiner kommt in den Stadtkern. Keiner weiß, wie es dort aussieht, was dort vorgeht. Sicherheit. Keine Verletzungen, keine Schmerzen, keine Verluste. Um die Stadt werden hundert Leute gestellt, als Ablenkungsmanöver. Es wird laut Musik angemacht und es werden rauschende Feste gefeiert. Die Stadtmauer ist von außen blau und grün bemalt, auch wenn es innen rot und gelb aussieht. Aber das weiß ja keiner.

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4 Kommentare

  1. Ein prachtvoller Raum. Fünf weise Männer in kostbaren aber etwas seltsamen Gewändern stehen zusammen. Im Hintergrund decken Bedienstete eine Tafel auf.

    #1: „Ich habe Euch zusammengerufen, um noch einmal über die Stadttore zu sprechen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Bevölkerung unruhig wird, denn ihr wisst, wenn niemand herein kann, kann auch niemand heraus. Viele Bürger wollen aber andere Städte besuchen, Austausch, Handel treiben. Wir sollten unsere Entscheidung noch einmal überdenken.“

    #5: „Ihr wisst, wie ich darüber denke. Einige von Euch waren damals noch nicht geboren, aber ich weiß noch wie es war, als wir eine junge, schutzlose Stadt waren, wie viel Leid durch die herumziehenden Banden über uns gekommen ist.“

    #2: „Aber wir haben doch inzwischen unsere Mauern.“

    #5: „Das stimmt, diese Mauern schützen uns heute vor jeder Armee dieser Welt, aber sie schützen uns nicht vor dem Verrat. Wenn wir einen Spion hereinlassen, der uns verrät, nützen uns selbst unsere Mauern nichts.“

    #3: „Ich vertraue unseren Wachen. Sie haben mit den Jahren gelernt, Freund und Feind zu unterscheiden.“

    #5: „Selbst wenn die Wachen nur Wohlgesonnene einlassen, so ist doch die Gefahr groß, dass unsere Stadt sie verwirrt. Unsere Bewohner verhalten sich nicht gerade gewöhnlich, und es gibt viele dunkle Gassen, die wir besser niemandem zeigen sollten. Ihr kennt die Geschichten von denen, die schon einen Blick in die Stadt geworfen haben.“

    #4: „Ich habe eine Idee. Wie wäre es, wenn wir Fremden, die uns wohlgesonnen erscheinen, am Tor die Augen verbinden würden. Wir könnten sie mit verbundenen Augen herumführen. Sie könnten die Geräusche und Gerüche kennen lernen, mit den Einwohnern sprechen und sich an die Stadt gewöhnen. Vielleicht erweisen sie sich so als vertrauenswürdig und verständig.

    #5: „Hmm, ich weiß nicht recht.“

    #1: „So lasst uns zuerst speisen. Wir sprechen später weiter darüber.“


  2. GRANDIOS! Danke, Thomas. :-)


  3. Danke für die Blumen. Ich gehe mal davon aus, dass auch Rote und Gelbe dabei sind …


  4. Sind sie! ;-)



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