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Sünden

14. Februar 2010

Zwei Mal pro Jahr lese ich den Spiegel und zwar beim Zahnarzt. Dieses Jahr bringt meine Mutter die Statistik durcheinander, indem Sie mir den Spiegel zur Krankheitsaufmunterung mitbringt. Ich lese den Artikel über Sünde und finde allerlei Interessantes und von mir an diesem Ort auch schon vielfältig Thematisiertes:

Hochmut und Eitelkeit

„Doch sind wir anders, sind wir besser? Wir legen den Kopf in den Nacken, und da es unter einem entgötterten Himmel niemanden mehr gibt, den wir anbeten können, nehmen wir mit ein paar Kinoplakaten vorlieb, und jedes davon ruft uns den Vorwurf zu: Wir sind perfekt, warum seid ihr es nicht, ihr Würmer?

Das ist mittlerweile ein Alltagsvorwurf, in jeder Großstadt das gleiche Spießrutenlaufen. Am Times Square in New York sieht dieser Vorwurf nicht anders aus als auf Berlins Unter den Linden und auf jeder anderen Innenstadtmeile. Haushoch räkeln sich die Models auf Plakatwänden, um Taschen zu verkaufen oder Unterwäsche, aber in erster Linie wohl sich selbst und ihre Schönheit.

Sie flirten mit uns, und sie schüchtern uns ein in ihrer Perfektion, ein Trommelfeuer aus trägen Blicken, durchtrainierten Torsi, endlosen Beinen, die auf eine neue Gefechtslage schließen lassen. Das Motto: Die Welt können wir nicht verbessern, aber wir können unser Aussehen optimieren.“

Habgier

Klar, die Finanzkrise.

Wollust

„Die Wollust ist Fast Food geworden. Sie ist jederzeit greifbar. Über einen Mausklick rülpsen die Porno-Seiten jede ihrer Spielarten auf den Bildschirm. Das Top-Video der Internetseite Youporn wurde mehr als 35 Millionen Mal geklickt. Die Phantasie ist optisch totgeschlagen. Unter Sexualität verstehen Jugendliche heute Analverkehr. Ein 13-Jähriger fragt seine Mutter: „Mama, was ist eigentlich Faustficken?“

Wollust ist im wahrsten Wortsinn ein abgefucktes und kaltes Geschäft geworden, ohne jedes Interesse an echter Lust oder Ekstase oder gar Liebe.“

„Schon bevor die Hysterisierung um die Sexualität begann (…), mahnte Schopenhauer zur Gelassenheit: „Wozu der Lärm? Wozu das Drängen, Toben, die Angst und die Not? Es handelt sich ja bloß darum, dass jeder Hans seine Grete finde.“ Kann man die Wollust endgültiger und cooler zur Hölle schicken?“

Zorn

Bush´s Terrorantwort.

Völlerei

„Die Völlerei ist der Wollust als beliebteste Todsünde dicht auf den Fersen. Erstaunlich, wie sehr der Kult um das Essen wieder in den Mittelpunkt gerückt ist. Wer Eindruck machen will bei seinen Freunden, verfügt über eine Bulthaup-Küche und probiert gewagte Cross-over-Rezepte aus. Wenn Lafer und Lichter bei Lanz vor den TV-Kameras die Schürze umbinden, sind Hochämter angesagt.

Tatsächlich lassen sich die Kochshows als eine Travestie des Abendmahls verstehen. Da sind die Kutten der Ministranten, die Schürzen, da sind die ehrfürchtig betrachteten Altäre (auf denen es schmurgelt und zischt), und da ist schließlich die Gemeinde im Studio, die mit Wein bei Laune gehalten wird.“

Neid

“ (…) unsere Gesellschaft, die eine des ständigen Vergleichs ist.“

Trägheit des Herzens

„Machen wir uns nichts vor: Trotz aller Spendengalas und „Sorgenkind“-Aktionen sind wir, in unserer Wagenburg Europa, doch eine recht traurige Veranstaltung gefühlloser Couch-Potatoes, und wer daran noch zweifelt, zappe sich einen Abend lang durch die Privatsender. Im Ernst glauben wir an nicht viel mehr als an uns selbst und die Bundesliga-Ergebnisse. Ab und zu Bilder von erschöpften Afrikanern am Strand Fuerteventuras. Wir dagegen schaukeln überdrüssig auf der Dünung unserer Wohlstandsgesellschaft, und je besser es uns geht, desto trübsinniger werden wir.“

„Nun ist die Seelenträgheit womöglich ein Effekt der Globalisierung, die uns jederzeit alle verfügbaren Schreckensmeldungen aus allen Winkeln der Erde zuträgt. Mit den Informationsfluten zum Elend steigt die Ohnmacht darüber.“

—-

Schön, wenn man anderswo auch mal das liest, was man denkt. Und was ist das Rezept des Spiegels?

„Der Weg aus der Schuld läuft allein über tiefempfundene Reue.“

und

„Die Theologie spricht von der „Apokatastasis“ am Ende aller Tage, wenn Gott die Welt wieder in ihren sündenfreien Urzustand versetzt. Das ist der Moment der Allversöhnung, auf den sie hoffen können. Einstweilen werden wir wohl mit der Hölle vorlieb nehmen müssen, die wir uns selber bereiten.“

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5 Kommentare

  1. reue?

    mit absicht wahrnehmen und dagegen „anhandeln“.
    oder mitschwimmen.

    (gut besserung!)


  2. Ich nehme wahrnehmen + dagegen anhandeln. Danke! ;-)


  3. wir arbeiten schon hin
    auf die allversöhnung
    ;-)


  4. du und ich?


  5. ja, zB.



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