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Manchmal passiert mir das

16. Juni 2010

Manchmal passiert mir das: Ich laufe durch die Stadt und glaube plötzlich an gar nichts mehr. Weder an die Gesellschaft, noch an die Stadt, noch an den Beruf, noch an das Leben, noch an alles was mir lieb und teuer ist. Plötzlich verliert alles seine Bedeutung, und ich laufe, ohne Angst und Panik, gelassen, aber innerlich etwas traurig, sinnentleert durch die Stadt. Es weht innerlich kein Lüftchen.

Man bildet sich ja eine Welt: Man analysiert, interpretiert, hat Vorstellungen – mal eng, mal weit – man kategorisiert die Dinge, baut sich ein System, eine Struktur, die für einen selbst Sinn ergibt. Man konstituiert die Welt und sich selbst. Scheinbar braucht das der Mensch, scheinbar ist man sonst kein Mensch.

Deshalb ist es durchaus berechtigt, dass ich innerlich etwas traurig bin, wenn der Sinn mir entflieht. Ich höre in mich rein und nichts schallt zurück. Die Straßen, die ich sonst mag, rühren in mir nichts. Das was mich sonst begeistert, was mich vorantreibt, löst nichts mehr in mir aus, wenn ich darüber nachdenke.

Manchmal verzweifle ich dann, bin unruhig, werde aktionistisch, suche den Sinn. Aber heute bin ich einfach gelassen weiter gelaufen. Nach Hause. Ins Bett. In mir drin ist nichts los, nichts, das mehr Sinn macht. Also ab nach Hause ins Bett, vielleicht sieht es morgen anders aus. Mein Bett ist meine Höhle, in die ich mich verkrieche, wenn ich von der Gesellschaft genug hab. Wenn ich müde bin, körperlich und psychisch. Etwas kaputt gehe ich rein, etwas ganzer komme ich meist morgens heraus. Der letzte Zufluchtsort. (Es gibt sogar ein Gedicht über mein Bett, aber das ist so gut, dass ich es für später aufhebe).

Mich rettet das Wissen, dass es wieder anders wird. Ich weiß, auf weiss folgt schwarz, manchmal grau dazwischen. Ich weiß, auf Sonne folgt Regen und anders herum. Ich weiß, das Leben beinhaltet auch das Sterben. Ich weiß von der Dualität des Ganzen hier. Jeden Morgen ein neuer Tag, eine neue Möglichkeit das zu werden was ich bin, das zu sein, was ich bin. Manchmal eben auch sinnentleert.

Was ich vorhin dachte, als mir das passierte? Ich lief an Kaufhäusern vorbei, sah Schlussverkäufe und schöne Kleider. Es ist doch Quatsch, das mit den Kleidern. Warum kann eigentlich nur der Mensch richtig nackt sein? Warum Kleider? Kein Tier kommt auf die Idee! Und wir kleiden uns mit diesen Stoffen und denken, es sagt etwas über uns aus. Scheinbar macht es Sinn gewisse Kleider zu tragen oder nicht zu tragen. Scheinbar gibt es etwas Sinnvolles darin, was über das Körperliche hinausgeht. Aber warum Kleider? Wer kam überhaupt auf die Idee? Und warum? Kleider = Kultur?

Ich dachte auch: Wir schmeißen so viel Essen weg. Ich ertrage das nicht, wenn so viel Essen weg geworfen wird. Ich ertrage das nicht. Überhaupt ertrage ich es nicht, wenn die Leute nicht sorgsam mit dem umgehen, was wir haben. Auch ertrage ich es nicht, wenn Leute nicht sorgsam untereinander umgehen. Nicht sorgsam sein. Das mag ich nicht. Es geht noch weiter: Nicht die Verbindungen sehen, das mag ich nicht. Wenn die Leute nicht sehen: Ursache – Wirkung – Konsequenz. Nur weil es nicht direkt unter ihrer Nase liegt! Zu kurz gedacht, zu kurz gedacht. Alles ist mit Allem verbunden. Alles hat mit Allem zu tun. Alles. Mehr oder weniger, aber alles mit allem in gewisser Weise.

Vieles in dieser Gesellschaft erschließt sich mir nicht, kann ich einfach nicht bejahen und verstehen. Und genauso erschließe ich mich nicht der Gesellschaft. Manchmal fühle ich mich so weit weg von allem. Dann fühle ich mich alleine, sehr alleine. Ich wünsche mir dann Menschen, die ähnliche Sinnstrukturen haben, wie ich. Sie besänftigen meist die Unsicherheit in mir. Dass es wirklich Leute gibt, die so denken wie ich, ist eine meiner größten Freuden auf Erden. Der Mensch ist eben ein Gemeinschaftstier und sehnt sich nach Ähnlichem oder zumindest Verständnis. Und was die Gesellschaft angeht: „Erkenne sie, aber versuche nicht sie zu ändern.“ Das ist natürlich ein kleiner Stich in ein revolutionäres Herz, erspart aber viel verschwendete Liebesmüh.

Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Wenn es etwas gibt, das meine Stimmungen beschreibt, dann wohl diese Zeile aus einem Gedicht, das in meiner Lesefiebel zu Grundschulzeiten stand. Einmal weht innerlich kein Lüftchen, ein anderes Mal bin ich so richtig durchgefegt. Das hängt zumeist stark davon ab, was mir tagsüber zugestoßen ist, was ich erledigt habe und wie die Menschen zu mir waren. Vielleicht ist es manchmal aber auch ein wenig die Planlosigkeit. Es sei mir verziehen, ich bin westlich sozialisiert und dementsprechen fällt es mir schwer, mich der Planlosigkeit hinzugeben. Die Vergangenheit zu vergessen, die Zukunft nicht schon zu bedenken, also ganz in der Gegenwart zu leben. Und mir fehlt auch manchmal der Glaube, die Zuversicht. Zitat aus einem kürzlich gelesenen Buch: „You’re gorgeous, you old hag, and if I could give you just one gift ever for the rest of your life it would be this. Confidence. It would be the gift of confidence. Either that or a scented candle.“

Notiz an mich selbst (und die Welt): „Was mir gut tut“

  • Mich mit unpretentiösen, ehrlichen und sympathischen Menschen zu umgeben.
  • Offen zu sein, nicht immer Pläne haben. Weil dann Möglichkeiten für Spontanes entstehen. Gleichzeitig aber damit leben zu können, wenn sich nichts ergibt.
  • Postkarten von alten Freunden zu empfangen, die mich schmunzeln lassen.
  • Alleine die Sonne auf meinem Balkon zu genießen, ohne angeguckt zu werden.
  • Sachen zu erledigen. Das tut verdammt gut und ist eigentlich so einfach.
  • Eine gewisse Ordnung bzw. zumindest das Gefühl zu haben, das Chaos zu beherrschen.
  • Klärende Gespräche, wenn sie dazu führen, dass eine Annäherung stattfindet.
  • Nicht alle Gefühle ernst zu nehmen. Bzw. sich vergegenwärtigen, dass sie nicht von Dauer sind.
  • Das Bedürfnis nach Anerkennung tief zu vergraben. Wenn es sich meldet: „Glei aans uff de Kopp unn in die Holzkischt. Dann Deckel druff, zuhämmern, Loch buddeln, tief vergrabe unn nedd uff die dumpfe Schreie höre. Noch ein paar schöne Blume druff pflanze. Des wars.“
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