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Verschwendung, Vergangenheit

14. November 2010

„Das Verfassen von Texten kann ein Weg sein, das neu zu gestalten, was als die Welt gilt.“

~ Judith Butler

War das, ist das ausgedacht oder wird das noch wahr?

Ist denn die Vergangenheit so weit weg, wie der Ort, an dem sie statt gefunden hat? Und dann auch noch die Frechheit, der Weiterexistenz dieses Ortes OHNE mich. Frechheit! Und die Frage, ob alles kollabiert, wenn die mühselige Reise dorthin aufgenommen wird. („Vorstellungen sind mitunter das Schlimmste.“ – Theodor Fontane).

15 Jahre war ich nicht dort. Ich wollte nicht fliegen. Ich wollte nichts wissen. Ich wollte die Sprache nicht sprechen. Ich wollte die Ausreden nicht hören. Ich wollte die Oberfläche abstreifen. Ich wollte einfach nichts mehr außer Vergessen und die Vergangenheit sein lassen. Es war vorbei.

Jetzt sitze ich im Flugzeug, was ich all die Jahre nicht einmal denken konnte, ohne Panik zu kriegen, und blicke auf die Lichter Frankfurts. Die tausende Lichter Frankfurts lasse ich hinter mir, was für ein Ausblick. Ich lasse alles Deutsche hier, in diesem Flugzeug. Lufthansa, noch ein wenig Deutsches haftet an. Aber die Räder sind schon in der Luft, kein Kontakt mehr. Ich lasse alles Deutsche sein. Ich lasse alles Kleine hinter mir. Aber auch alles Geliebte. Dies kann nur ein Teil der Menschheit verstehen.

Ich weiß, es ist keine Lösung Teile seiner Identität zu verleugnen. Kann ich auch gar nicht, seht her, in welcher Sprache ich dies schreibe. Ich muss einfach verstehen, beides sein zu können. Ohne Widerspruch. Man muss sich nicht entscheiden: Beides ist gleichzeitig möglich. Ich habe etwas gebraucht, um das zu verstehen.

Ich fliege in die Unterentwicklung. Nicht, dass es bei uns besser wäre. Es ist mehr so, dass ich aus der Überentwicklung in die Unterentwicklung fliege. Im Herzen den linken Wunsch, überall nur Entwicklung zu haben. Weder über noch unter. Gleich!

Ich liebe Mannheim. Ich herze auch Berlin, Darmstadt, Frankfurt und Freiburg, aber vor allem liebe ich Mannheim. Mannheim ist die Entwicklung. Für mich. Ich weiß vieles zu schätzen, was wir in Deutschland haben. Vieles, was für uns so selbstverständlich ist, dass es uns manchmal auch anödet, wir Ignoranten. Oder uns, die wie Anderes kennen, manchmal nervt, weshalb wir manchmal sehnsüchtig an das Andere denken.

Dann bin ich dort und grinse herzlich über den Klappstuhl des Busfahrers. In Deutschland undenkbar, aber – ihr Daheimgebliebenen – lasst es euch sagen, so etwas gibt es wirklich. Und es geht gut. Nicht immer, aber oft.

Ich frage mich, ob wir auf dieser Erde irgendwann an den Punkt kommen, wo sich alles mischt, wo wir das Gute aus allem Verschiedenen zu einem Ganzen kombinieren. Ich fürchte, wir löschen uns vorher aus. Aber denkbar ist es. Denkbar ist alles, im Rahmen unserer Möglichkeiten. Die aber auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind.

Ich lasse mich von dem Klappstuhl-Busfahrer in seinem Bus mit eingebautem Schrein durch die Gegend fahren und stelle fest, die Stadt ist sauberer geworden. Ich frage mich wie. Ob es beim Saubermachen sauber zu ging, oder nicht. Ich fürchte nicht. Das Resultat ist Sauberkeit, aber die Frage ist, wie ist es dazu gekommen. Sauberkeit durch Schmutz? Ich fürchte ja.

Ich treffe die Menschen der Oberschicht und schlafe bei ihnen. Manche leben und zweifeln an nichts. Nicht an ihren Autos, nicht an ihren gut umzeunten Häusern, nicht an ihren Hausangestellten. Nicht an den privaten Schulen ihrer Kinder, nicht an ihrem Strandhaus, nicht an ihrem Bankkonto. Manche leben und sagen dir offen ins Gesicht: Ja, wir beuten sie aus. Das machen wir hier schon immer so. Lachen und leben weiter.

Ich treffe Menschen aus der Unterschicht. Ich will helfen und kann es doch nicht in dem Ausmaß, wie ich gerne würde. Am liebsten würde ich denen aus der Oberschicht in den Arsch treten und schreien: Es sind doch eure Leute! Das sind doch Leute wie du und ich, du Arsch, es ist auch dein Interesse, dass es ihnen gut geht. Es ist unser aller Interesse. Wieso ist das so schwierig zu verstehen? Ich weiß es: Ihr habt es einfach nicht gelernt.

Ich bin Verschwendung, ich weiß. Ich bin der Tropfen auf dem heißen Stein, der sich sofort in Luft auflöst und verdampft. Aber ich weiß, wenn wir viele wären, dann würde der Stein abkühlen. Und ich kann sagen: Ich war einer davon. Ich verschwende mich gerne für das was mir richtig scheint. Nichts anderes hat Sinn. Ich weiß, dass Anderen Anderes wichtig ist. Ich weiß, das Andere anders sind. Ich weiß, ich weiß, ich weiß.

Ich weiß, dass ich erschossen und vergewaltigt enden werden. Ich weiß, ich werde im Straßenrand verroten und die Vögel werden an meinen Eingeweiden fressen. Bio, ihr Arschgeier! Es ist nicht sicher, aber viel wahrscheinlicher, als in Deutschland. Dort könnte ich es gemütlich haben, ich könnte es sicherer haben, ich könnte es bequemer haben. Aber auch sinnloser. Für mich.

Trotz all dem: Trotzdem!

Voy.

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“I don´t think identity´s fixed, the real, true self. It is constructed from historical processes: I´m the sum of that boy called a “coolie”, the Rhodes scholar, the socialist from Jamaica. Every identity that feels so solid is the result of excluding things you could have been. I go back to Jamaica and I adore it, but I couldn´t be a Jamaican. I ache for a parallel life I could have lived. I also couldn´t disappear into Englishness. I understand Britian; but I´m only British in a hyphenated way”.

~ Stuart Hall ~

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One comment

  1. Wie war das? „3rd culture kid“? Schön. ;-)



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