h1

alles offen

25. Februar 2011

Meine Generation (wie so oft: nicht alle, aber viele davon) tendiert ja hin zur andauernden Zwischenlösung (aka. „perpetual beta“), offenen Zuständen, unsicheren und prekären Arbeitsverträgen, extremer Flexibilität, Mobilität und Ungebundenheit. Beziehungen werden schnell geknüpft und schnell gelöst, Verbindlichkeit nimmt ab und definiert sich komischerweise eher durch die Geschwindigkeit der Reaktion, als über den Inhalt der Reaktion.

Mich kotzt das hochgradig an und ich stelle es in Frage. An manchen Tagen mehr, an manchen weniger. Grundsätzlich bin ich keine Sicherheitsfanatikerin und Flexibilität ist für mich eine positive Lebenseinstellung. Nur hört der Punkt da auf, wo meine Flexibilität ausgenutzt wird. Und zwar von Menschen, bei denen alles SICHER ist, und deren Sicherheit nur deshalb funktioniert, weil ich und die anderen flexibel sind, weil andere weniger haben müssen, damit sie mehr haben und gut leben können. Ich vermisse in den beiden Generationen über mir und in der noch eines darüber (also die in den 70ern, 60ern und 50ern Geborenen) die Berufung, jüngeren Generationen den Weg zu ebnen, junge Menschen zu unterstützen, zu fördern. Hauptsache der eigene Arbeitsplatz, das eigene Umfeld ist gesichert. Ich und die meinen: Uns muss es gut gehen. Und so reagieren wir Jungen entweder mit Nacheiferung (und fahren die Ellenbogen aus) oder denken uns: Wir sind anders, wir sind flexibel. Unsere Werte könnt ihr nicht verstehen. Dabei lassen wir uns oft schamlos ausnutzen. Ich finde beides nicht ideal.

Dieser Zustand „alles offen„: Ist das ein Segen, oder ein Fluch? Ich verspüre in mir den leisen Drang, mich zu norden. Ist das eine Begleiterscheinung des Erwachsenwerdens? Das ewige mäandrieren ist wohl doch auf Dauer anstrengend. Scheinbar braucht der Mensch etwas, was ihm Halt gibt. Sei es eine Arbeit, einen Partner, einen Ort, eine Aufgabe, die ihm Erfüllung und Ruhe gibt, nein, vielmehr: Beständigkeit. Alles ständig anders, alles ständig neu, alles ungeplant, alles offen… Ich weiß nicht. Ich glaube, wir brauchen eine Balance. Ich suche meine noch. :-)

Dieses Bedürfnis nach Balance ist vielleicht auch eine Art Außenschau: Was ist geworden aus dem was ich hier permanent konstruiere? Damit meine ich natürlich meine Identität. Ich baue an ihr und ich hoffe inständig, sie wird niemals fertig sein. Trotzdem muss ich sagen: Man kann schon erkennen das was da ist. Und das was ich geschaffen habe, braucht Stabilität. Nur woher? Von außen, oder doch nicht vielmehr von innen?

Alles offen heißt ja auch: Alles möglich. Es stimmt auch, alles ist grundsätzlich möglich. Aber wie war das doch gleich:  „Charakter entsteht durch den freien Verzicht auf Möglichkeiten.“ Ich glaube, ich verhalte mich immer öfter so. Ich fange an, NEIN zu Möglichkeiten zu sagen, die sich mir bieten. Und zwar auf freier und reflektierter Basis:

  • Nein, zu gewissen Personen.
  • Nein, zur Zeitaufwendung für gewisse Dinge.
  • Nein, zu gewissen Lebensmitteln.
  • Nein, zu gewissen Umgangsformen.
  • Nein, zu gewissen Tätigkeiten.
  • Nein, zu gewissen Partnermöglichkeiten.
  • Nein, zu gewissen Lebensentwürfen.
  • Nein, zu gewissen Freizeitgestaltungen.
  • Nein, zu gewissen Reisezielen.

Da gibt es so einen Satz, über die „Identität als Projekt“… der jetzt passen würde. Der aber zu Hause sitzt. Auf meinem Laptop. Ich füge ihn später ein. ;-)

Deutlich später aka. 07.03.2011:

Die Narration einer Identität als Projekt: „Eine Identität als Projekt bannt den Horror der leeren Zukunft und nordet die Splitter des aktuellen Selbst zumindest temporär.“

„Identitätsprojekte sind Zukunftsvorstellungen in Form komplexer Selbstentwürfe, dabei werden Bilder eines möglichen Selbst aus dem Aufsuchensbereich entworfen. Identitätsprojekte verweisen auf das Noch-nicht-Realisierte, auf den Wunsch. Sie setzen voraus, dass das Individuum über die Motive, die seinen Absichten zugrundeliegen, und die ihm verfügbaren Mittel reflektiert hat und stellen einen Bezug her zwischen verschiedenen Zeitstufen des Selbst.“

(Kraus: Das erzählte Selbst)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: