Archive for the ‘DasLiebeD.’ Category

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Blonder Tango

20. April 2013

Zitate aus „Blonder Tango“ von Omar Saavedra Santis. Neues Leben: Berlin, 1983:

„… sieht nur, was es für Sachen gibt, gib acht auf dich, Brüderchen, vergiß nicht den Cambita Ojopi, der dich so gern hat, na also; wenn du dort in dem Europa der blonden Schamhaare und der kleinen Herzen bist, erinnere dich an deinen Camba und komm bald zurück, laß mir die Adresse von deiner Familie da, denn bald komme ich aus diesem Wüstengrab voll Sonne heraus…“ (S. 14f.)

„… denn ich kann mir vorstellen, daß diese Sprache eine schreckliche Sache sein muß, Gott sei Dank sprichst Du etwas Französisch, und das müßte Dir weiterhelfen, denn Dein Onkel Alfonso hat mir erzählt, daß alle Deutschen bis zu drei und noch mehr Sprachen sprechen.“ (S. 19)

„Ich hätte niemals gedacht, daß Du beim Theater enden würdest, umgeben von Künstlern und bedeutenden Leuten, aber ich freue mich für Dich, weil das Theater Dir immer so großen Spaß gemacht hat, genau wie Deinem Vater. Außerdem hat Josefina Apablaza mir gesagt, daß diese Länder eine viel höhere Kultur haben als wir hier, und so muß es auch sein, dafür ist es Europa.“ (S. 20)

„… und sie blieb, ohne recht zu wissen, warum, sie stellt die Tassen symmetrisch auf den Tisch, oder sie blieb, weil auch sie ihn begleiten wollte, die Kekse und den Zucker, und die magische Formel finden wollte, um ihn zu trösten, überlegt, wo sie das Saccharin hingestellt hat, der fliegen gelernt hat in einem so fernen und mysteriösen Kontinent, den sie liebt, ohne ihn zu kennen, verflucht ihre Tendenz zuzunehmen, nur weil er von dort kam, beschließt, den Kaffee schwarz zu trinken, denn als er zu ihr sprach, war es, als würde man einem Land begegnen, das man nicht hat und das man begehrt, sie sagt ihm, daß der Kaffee kalt wird, denn er weckte in ihr einen Hunger, das Unbekannte kennenzulernen, weckte auch in ihr einen Hunger nach ihm, verbrennt sich mit dem ersten Schluck heißen Kaffees die Zunge, aber das sagt sie ihm nicht…“ (S. 64f.)

„<Als wir uns kennenlernten, wolltest du nicht.>
<Weil du betrunken warst, und da wäre es genauso gewesen wie masturbieren. Genau wie jetzt.>
<Ich wollte zwischen uns nichts versauen, verdammt! Ich wollte nicht! Weil es leichter ist, mit jemandem zu ficken, als sich zu unterhalten! Bring das in deinen deutschen Dickkopf hinein!>
<Sich unterhalten oder dir zuhören? Sich wirklich unterhalten? Dein einziges Interesse gilt doch immer nur dir selber und deiner verfluchten Geschichte vom Kindchen, das so fern von zu Hause ist.>“ (S. 66)

„… das Leben verläuft hier ohne große Turbulenz. Ein bißchen zu ruhig für meinen Geschmack, aber ich bin sicher, Dir würde es gefallen, Onkel. Ich frage mich manchmal, ob man bei so viel Sicherheit wirklich glücklich sein kann. Es ist, als würde man in einem Sanatorium leben, aber das scheint sie nicht weiter zu stören. Ich glaube, sie versuchen immer, den heutigen Tag sehr dem gestrigen gleichen zu lassen und den morgigen sehr dem heutigen.“ (S. 68)

„Diese Ruhe, von der ich Dir erzähle, wird immer dann verdächtig, wenn man ihnen zuhört, wie sie nach Gründen und Motiven für die einfachsten Dinge des Lebens suchen. Halb im Scherz, halb im Ernst (wie immer) sagen wir, daß dies die Lieblingslosung der Deutschen ist ‚Wozu einfach, wenn´s auch kompliziert geht.‘ Im Theater ist das eine goldene Regel. Ich glaube, ihnen fehlen ein bißchen Sonne unter den Füßen und Flügel zum Fliegen.“ (S. 68)

„Doch obwohl ich keine direkte Erfahrung gemacht habe, glaube ich, daß die Ehe eine sehr ernste Angelegenheit ist, von der man zwar weiß, wie sie beginnt, aber nie, wie sie endet. Es geht mir auch der Gedanke durch den Kopf, daß mit einer Deutschen die Sache noch um vieles ernster ist. Wenn Du mir den Vergleich gestattest, so glaube ich, daß es etwas Ähnliches sein muß wie eine Mischung aus Pelé und Beckenbauer, das heißt, etwas, was man sich nur sehr schwer vorstellen kann.“ (S. 120)

„Niemals könnte ich sagen, daß ich mich in diesem Land zu Hause fühle. Das wäre wirklich eine rosarot gefärbte, exakt graue Lüge. Ha! … Habe ich Ihnen schon von dem Nein der Deutschen erzählt? … Lassen Sie mich erzählen, so werden wir etwas zu lachen haben. Unter den Rezepten, die wir uns ausdachten, um uns dem Heimweh hinzugeben, nahm das Nein der Deutschen lange Zeit einen besonderen Platz ein: Wir setzten uns, gemeinsam mit anderen Landsleuten, hin, um die Nein aufzuzählen: die Deutschen sind nicht unterhaltsam, die Deutschen verstehen nichts vom Essen, sie verstehen nicht, sich zu betrinken, sie haben kein Temperament, sie blicken nicht zum Himmel, sie sind nicht großzügig, sie können nicht tanzen, sie sind nicht bescheiden, sie verstehen nicht zu verlieren, sie verstehen nicht zu gewinnen, sie essen keine rohen Muscheln, sie üben keine Selbstkritik, sie nehmen keine Kritik an, sie glauben nicht, sie können nicht über sich selbst lachen, sie haben niemals Zeit, sie hören nicht zu, sie sind nicht flexibel, nein, nein und nochmals nein. Nun die Liste war lang … Und wir? Nun, wir mußten glauben, daß wir eben besser waren… Selbst wenn Sie mir nicht glauben, auch das war und ist ein Teil der Liebeserklärung an dieses Land und seine Menschen…“ (S. 131f.)

„… wenn du deinen Mund nicht aufmachst, um auch auf unsere Probleme einzugehen, entziehst du uns auch die fremden Augen, die manchmal mehr sehen als unsere eigenen, läßt du uns allein in einer Provinz, und wenn das geschieht, werden wir weiterhin glauben, daß diese Provinz die Welt ist und wir ihr Nabel.“ (S. 143)

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reale Vielfalt

18. Februar 2013

Gerade im Newsletter des Haus der Kulturen der Welt gelesen:

„Seit einigen Wochen tobt in Feuilletons und Kulturmagazinen eine Debatte, die erneut zeigt, wie weit die Mitte der deutschen Gesellschaft von einer Akzeptanz ihrer realen Vielfalt noch entfernt ist.“

Da haben wir es also wieder. Das Problem der Deutschen mit der „Otherness“.

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Alemana de papel, latina de corazón!

14. Februar 2013

Queridos seres de otros lugares. Les cuento que los alemanes estan bien loquitos, pero relocos! Ir al trabajo acá significa ir a la guerra. La guerra de los argumentos, de la lucha por el poder, de ser el más bacán, de tener razón, de amargarse la vida. Generalmente hablando, de buscarse problemas donde no hay! Tanto sufrimiento en vano, tanta energía malgastada, increíble!

Lo lindo es: Camino por las calles, por el trabajo, por mi casa y soy mucho más yo que antes. Me chupa un huevo lo que hagan o digan los otros. Yo soy yo. Ya no me importan sus reglas cómo hay que vestirse, cómo hay que comportarse, qué se pueda decir, simplemente me chupa un huevo. Tienen que aprender que existe la alteridad, que existe lo otro y que no por ser diferente sea malo.

  • Acá, todo lo que es diferente es malo.
  • Acá la gente se ignora cuando no se conoce.
  • Acá los hombres no te paran bola. Lo máximo que hacen es mirarte 1 segundo y desviar la mirada enseguida.
  • Acá mostrar emociones es una debilidad. Se las castiga, porque las emociones son malvistas.
  • Acá se crean problemas, porque realmente no hay problemas.

Cada vez me identifico menos con ciertas circunstancias acá.
Me voy a ir. Este año me voy a ir.
Porfavor, no te olvides.
Rutina, no te tragues ese sentimiento.
Quiero vivir en Latinoamérica.

Recordálo!

Sólo soy alemana de papel, pero latina de corazón.

Y mis argentinos me mandan cosas hermosas como las del posting anterior, o esta siguiente:

Hola MJ
¿Cómo estás? ¿Ya comenzaste con la rutina del año?
Estoy algo sorprendido pensando si han decidido importar un poco de viveza criolla. Me imagino que no habrás sido tú la que le llevó idea a la ministra Annette Schavan. Ja, ja, ja. Cuando necesites los contactos en Munich para la edición de tu novela, avisame.
Besos, te quiero mucho
J

ESA es la puta diferencia, me entendés?

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El huevón

20. Januar 2013

Ich habe überhaupt keine literarische Sprache! Ich spreche wie so ein Teenager, ich schreibe, wie ich spreche und ich spreche auch noch nicht mal elaboriert, sondern wie mir der Schnabel gewachsen ist. Hingegen der Chilene, el huevón, ese sí que habla bien. Domina perfectamente los dos idiomas y es muy eloquente hablando en cualquiera de ellos. Que mierda! Cómo le tengo recelo por eso. Cómo me molestaba al no pararme bola. Qué tengo yo de malo, que hago yo para espantar tanto a los hombres en Alemania? Aunque fueran Latinos. No! A mí los hombres sólo me funcionan bien en Latinoamérica. Seré yo la que cambia, o serán ellos (los alemanes o los de afuera, los que se amargan en el momento en el que entran a éste, mí país, donde todos los gatos son rubios)? Dabei geht es mir bei ihm gar nicht um irgendeinen Flüssigkeitsaustausch, sondern um einen Gedankenaustausch. Weil er einen mir ähnlichen Lebenshintergrund hat. Aber auf diese Idee kommt er gar nicht, dass ich mich mit ihm nur mental vereinigen will. Also auf eine andere Ebene der Intimität hinstrebe. Oder vielleicht hat er gerade davor Angst. Bueno, él se lo pierde. Y me dice: „No, yo soy chileno nomás, no me considero alemán.“ Listo. Entonces que se vaya a Chile „nomás“ y seguro que en algún momento de su vida se le va a venir bien duro, que habiendo vivido más de 20 años acá uno no se puede no considerar (además de cualquier otra cosa) alemán.

El señor se fue al tiro pa´l aeropuerto… ;-)

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Ya no quiero

12. Juni 2012

… vivir acá.

Me lo tengo que decir una y otra vez: Ya no quiero vivir acá.

Acá significando ésta ciudad, éste país, éste continente.

Me quiero ir, ya no aguanto, ya no veo ningún futuro acá.

Me aburren las personas. Me aburre la vida, acá.

Yo, acá, ya no quiero.

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Coolness vs. Travelling bzw. Genieß es!

10. Mai 2012

Liebe X.,

wo auch immer du bist, ich hoffe, es geht dir gut.

Ich bin seit anderthalb Wochen zurück und habe so meine Schwierigkeiten. Obwohl meine Freunde mir einen lieben Empfang bereitet haben, ist das Wiedereingewöhnen für mich nicht so einfach und die Sehnsucht nach Lateinamerika ist groß.

Die erste Arbeitswoche war schon ganz schön schräg. Man weiss gar nicht, wie man in diese Welt wieder reinpassen soll. Auch die Menschen in Deutschland kommen mir so unglaublich kalt und distanziert vor. Hier geht´s nur ums Cool-sein.  Cool IST aber fast keiner! Vielmehr sind alle Emotionslegastheniker.

Ich merke, dass ich nicht mehr mein ganzes Leben hier sein kann/will. Mal sehen… Und wollte dir nur sagen, genieß die Zeit! Genieß die Reise!

Solltest du dich auch schräg fühlen, wenn du zurück kommst, kannst du dich gerne bei mir auslassen… :-)

Herzliche Grüße aus Mannheim
(in dem sich weniger ändert, als man denkt)
Marie

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Hallo Liebes,

ich hab schon oefter an dich gedacht und mir vorgestellt wo du wohl bist und was du schon alles gesehen hast.

schoen dass du mir berichtest, ich hab auch wirklich ein bisschen angst vor dem nach hause kommen. ich hab meinen flug auf september verlegt und kann der coolness so nochmal etwas laenger entkommen. und na klar, auch ich spiel mit dem gedanken etwas komplett neues anzufangen. wenn man erstmal weg ist, merkt man, dass man ja doch ein freier mensch ist und sicherheit nicht aaaaalles ist im leben. die kaelte in deutschland hab ich schon lange gespuert, ich habs nur nie geschafft zu fliehen ;-D

ich bin uebrigens immer noch in brasilien, ich komm von diesen tollen leuten einfach nicht los. ich hab ziemlich viel zeit in paraty (genauer gesagt trindade) verbracht, war ca. 1 monat in rio und bin jetzt seit ca. 1 monat im norden und reise hier mit einem schwulen isreali (voll super, wir koennen ueber maenner reden und sind beide extrem empfaenglich fuer alles positive um uns herum). morgen gehts aufs boot durch die amazonas. oh mann, ich hab ehrlich gesagt ganz schoen schiss, haha. aber ich will das fuer mich machen, ich glaub das tut mir gut. danach will ich nach peru zum machu pichu und dann nach kolumbien 1 monat volunteering. mehr plaene mach ich lieber gar nicht, ich bin echt ziemlich impulsiv bisher gereist, hehe.

liebes, bewerb dich doch einfach mal wild ueberall. du sprichst ja spanisch und so wie ich verstanden hab haengst du nicht extremst an deinem job in monnem?

hehe, vielen dank fuers angebot, ich werde bestimmt drauf zurueckkommen =)

ganz liebe gruesse und lass dich nicht aergern von den coolis ;-D

X.

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Tranquille / Schauspiel / sent from my

15. Dezember 2011

Die deutschen Tugenden sind Filmkulissen. Es ist alles unecht. Nur Pappe.

Ich habe die Nase gestrichen voll von der Pseudo-Spießbürgerlichkeit, den Pseudo-Konservativen, den Pseudo-Werten. Am Ende mauscheln sie doch alle vor sich hin, schlafen sich hoch, nehmen Drogen statt Lebensmitteln zu sich und finden sich dabei sau geil und normal. Jeder ist nur an seinem eigenen Wohlergehen und evtl. noch an dem der unmittelbaren Familie und des Freundeskreises interessiert.

Leistung zählt nicht. Auf Pünktlichkeit wird geschissen. Verbindlichkeit ist Geschichte.

In dem Moment, wo ihnen ein Gedanke kommt, fangen Sie an aktionistisch zu agieren. Keiner denkt mehr, keiner reflektiert und bevorzugt werden die kurzfristigen Lösungen, die einen selbst gut aussehen lassen. Ob das langfristig gut ist, interessiert keine Sau. Ob es Auswirkungen hat, die mich nicht unmittelbar betreffen interessiert auch keine Sau.

Deutschland, Europa und die ganze westliche Welt ist eine falsche Gesellschaft. Ein Schauspiel. Nichts ist echt. Alles ist Farce. Am liebsten vergammeln sie in ihren teuren Wohnungen, fressen Mist und gucken sich Mist auf dem Großbildflachdingsbums an. Der Inhalt muss mit Größe kompensiert werden. Oder gerne kompensiert man Inhalt auch durch Reaktionsgeschwindigkeit. Unüberlegte Scheiße. Sent from my iphone. Da war der Finger mal wieder schneller als das Gehirn…

Ich muss hier sowas von weg…

Zum Beispiel hierhin:

Eigentlich ist das Ziel Gelassenheit. Scheint leider noch nicht ganz zu klappen. ;-)

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Finnisch?

10. Dezember 2011

Zwei brasilianische Freunde erzählten mir gestern Abend, dass es nicht einfach ist, in Deutschland als Ausländer zu leben. Man würde alle Nase lang darauf hingewiesen oder angesprochen. Was das denn für eine komische Sprache sei, die man spreche. Finnisch? Warum man dann aber so europäisch aussehe. Und warum man überhaupt hier sei. Man bekäme oft das Gefühl vermittelt, nicht ok zu sein.

Ich fürchte, es ist so. Die Deutschen fremdeln sehr. Sie kommen mit Andersartigkeit (Otherness – auf Deutsch nicht in der Wikipedia vorhanden, war ja klar) nicht klar. Sie schaffen es immer wieder, einem das Gefühl zu geben, man sei nicht ok, sobald man sich nicht wie die bürgerliche Mitte verhält. Schön auch immer wieder die Frage: „Ja, aber wo kommst du URSPRÜNGLICH her?“ – „Aus deinem Arsch!“ würde ich manchmal gerne antworten. Denn sie erwarten eine einfache Antwort. Wenn ich dann mit meiner Lebensgeschichte komme, dann möchte man schnell das Thema wechseln, ist zu kompliziert, kann nicht direkt eingeordnet werden. Gut. Und „den zweiten Teil deines Namens lasse ich weg. Ist einfacher.“ – „Ach, du kannst mich auch gerne 0815 nennen. Ist noch einfacher.“

Warum immer diese Definition von Herkunft? Warum nicht das sich einlassen auf den Menschen, wie und wo er jetzt gerade ist. Mehr Offenheit!!! Ob es wirklich am Klima liegt?

As minhas desculpas.

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Wörter, Sätze

7. November 2011

Vibrationshintergrund

„Man reißt sich um den Schmuck unserer nicht aussprechbaren Namen, um ihn an die Brusttasche des für den besonderen Anlass geliehenen Jacketts zu pappen.“ (Editorial von „freitext“)

Danke, dass es diese Zeitschrift gibt, danke, dass ich sie entdeckt habe. Da geht mir richtig das Herz auf. Genauso „wie als“ ich kürzlich in B war. In Berlin fühlt man sich so normal (was das Leben leichter macht), weil die Messlatte eine ganze andere ist. Hinter meinem eher links liegenden Punkt der Abgefahrenheit geht es dort noch Ewigkeiten weiter. In Mannheim bin ich eher am äußeren Rand, was manchmal anstrengend ist, da man sich alleine fühlt und viel um die Akzeptanz seiner Ansichten kämpfen muss. Auf der anderen Seite muss man sich nicht so sehr abgrenzen, weil das fast automatisch passiert (was das Leben auf einer anderen Seite leichter macht). Mit gewissen Hosen wird man hier in gewissen Teilen der Stadt schon komisch angeguckt und es führt zugleich zu einem Abspruch von Alter und Kompetenz. In Berlinski interessiert das keine Sau, ganz nach dem Motto „arm, aber sexy“ bzw. abgefahren angezogen, aber kreativ/innovativ/anders (und impliziert dabei etwas Positives, nicht etwas Negatives). Grundsätzlich geht es mir darum, in Deutschland die Akzeptanz für Andersartigkeit zu erhöhen. Anders ist interessant und nicht erschreckend. Man muss nur offen sein. Und innerlich stabil. Wie oft muss ich mir die Verkürzung meines Namens auf den in Deutschland bekannten Teil anhören, weil „einfacher“. Well, fuck you, dann ist es eben etwas schwerer für dich. Gehirnjogging gratis, faules Pack!

Post-alles-mögliche

„Nun ist Jeffrey Eugenides ein Autor, der im Post-alles-möglichen ebenso versiert ist wie im Meta-alles-übrigen. In „Die Liebeshandlung“ unternimmt er die Rekonstruktion des klassischen Liebesromans vor dem Hintergrund seiner Dekonstruktion. „ (dradio Kultur über JEs neuen Roman)

Nachdem ich vor etwa zwei Jahren erstmalig anfing zu begreifen, was es heißt in einer post-modernen Gesellschaft zu leben, in der sich alles auflöst (es ist so – wir können z.B. nicht kommunizieren, zumindest nicht auf einer höheren Verständnisebene, weil wir unterschiedliche Sinnstrukturen haben, und nur jemand der meinen „Vibrationshintergrund“ hat, sich dem überhaupt ansatzweise annähern kann, weshalb Transkulturalität einen echten Vorteil darstellt, man versteht mehr Menschen bzw. man gibt sich mehr Mühe sie zu verstehen), habe ich kürzlich erst in besagter Zeitschrift das Adjektiv „post-migrantisch“ entdeckt. Juhu! Und mich umsomehr geärgert, dass die Vorstellungen von „Verrücktes Blut“ bei den Schillertagen ausverkauft waren und es bei meinem letzten Berlin-Aufenthalt keine Vorstellung im Ballhaus Naunynstraße gab. Nun gut, nächstes Mal. Wenn alles mögliche „post“ und überwunden ist.

<Ergänzung>

Postkolonial: „Ziel ist es, Begriffspaare zu dekonstruieren, um dem damit ausgedrückten Machtgefüge entgegenzuwirken.“ (aus Wikipedia).

Herr Bhaba ist da ja so ein spannender Typ. Und sein Konzept des dritten Raums erst: Im dritten Raum erfolgt eine Verschiebung / Dezentrierung / Umkehrung durch unpassenden Gebrauch von Symbolen und Repräsentationen, wodurch diese Zeichen  und ihre Bedeutung hybridisiert (verunreinigt / umgedeutet) werden: Vibrationshintergrund, eben. :-)

Und Herr Hall ist auch so ein spannender Typ. Weil endlich Bedeutungsproduktion durch Kodierung und Dekodierung erkannt statt Sender/Empfänger/Nachricht-Scheiße. Und jawohl, man kann sehr wohl nicht kommunizieren, Herr W. Wir können nämlich eigentlich überhaupt nicht kommunizieren! Weil das was ich denke, kann in keiner (oder nicht nur einer) Sprache ausgedrückt werden. Und ich kann nicht einmal ansatzweise ausdrücken, was ich fühle (weil es mehrdimensional, prozesshaft und ursächlich undeutlich ist), wie soll das also überhaupt jemand ansatzweise verstehen (heißt rationalisieren) können? Wir sind eben getrennte Systeme. Jeder für sich alleine. So sieht es nämlich aus, Herr Luhmann, und das ist ein wenig traurig. Ich glaube, deshalb strebt der Mensch überhaupt ständig nach „Sozialem“. Weil er verdrängen will, dass er eigentlich – tief in sich drin – alleine ist und auch alleine sterben wird.

</ ausufernde Ergänzung>

 

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Verschwendung, Vergangenheit

14. November 2010

„Das Verfassen von Texten kann ein Weg sein, das neu zu gestalten, was als die Welt gilt.“

~ Judith Butler

War das, ist das ausgedacht oder wird das noch wahr?

Ist denn die Vergangenheit so weit weg, wie der Ort, an dem sie statt gefunden hat? Und dann auch noch die Frechheit, der Weiterexistenz dieses Ortes OHNE mich. Frechheit! Und die Frage, ob alles kollabiert, wenn die mühselige Reise dorthin aufgenommen wird. („Vorstellungen sind mitunter das Schlimmste.“ – Theodor Fontane).

15 Jahre war ich nicht dort. Ich wollte nicht fliegen. Ich wollte nichts wissen. Ich wollte die Sprache nicht sprechen. Ich wollte die Ausreden nicht hören. Ich wollte die Oberfläche abstreifen. Ich wollte einfach nichts mehr außer Vergessen und die Vergangenheit sein lassen. Es war vorbei.

Jetzt sitze ich im Flugzeug, was ich all die Jahre nicht einmal denken konnte, ohne Panik zu kriegen, und blicke auf die Lichter Frankfurts. Die tausende Lichter Frankfurts lasse ich hinter mir, was für ein Ausblick. Ich lasse alles Deutsche hier, in diesem Flugzeug. Lufthansa, noch ein wenig Deutsches haftet an. Aber die Räder sind schon in der Luft, kein Kontakt mehr. Ich lasse alles Deutsche sein. Ich lasse alles Kleine hinter mir. Aber auch alles Geliebte. Dies kann nur ein Teil der Menschheit verstehen.

Ich weiß, es ist keine Lösung Teile seiner Identität zu verleugnen. Kann ich auch gar nicht, seht her, in welcher Sprache ich dies schreibe. Ich muss einfach verstehen, beides sein zu können. Ohne Widerspruch. Man muss sich nicht entscheiden: Beides ist gleichzeitig möglich. Ich habe etwas gebraucht, um das zu verstehen.

Ich fliege in die Unterentwicklung. Nicht, dass es bei uns besser wäre. Es ist mehr so, dass ich aus der Überentwicklung in die Unterentwicklung fliege. Im Herzen den linken Wunsch, überall nur Entwicklung zu haben. Weder über noch unter. Gleich!

Ich liebe Mannheim. Ich herze auch Berlin, Darmstadt, Frankfurt und Freiburg, aber vor allem liebe ich Mannheim. Mannheim ist die Entwicklung. Für mich. Ich weiß vieles zu schätzen, was wir in Deutschland haben. Vieles, was für uns so selbstverständlich ist, dass es uns manchmal auch anödet, wir Ignoranten. Oder uns, die wie Anderes kennen, manchmal nervt, weshalb wir manchmal sehnsüchtig an das Andere denken.

Dann bin ich dort und grinse herzlich über den Klappstuhl des Busfahrers. In Deutschland undenkbar, aber – ihr Daheimgebliebenen – lasst es euch sagen, so etwas gibt es wirklich. Und es geht gut. Nicht immer, aber oft.

Ich frage mich, ob wir auf dieser Erde irgendwann an den Punkt kommen, wo sich alles mischt, wo wir das Gute aus allem Verschiedenen zu einem Ganzen kombinieren. Ich fürchte, wir löschen uns vorher aus. Aber denkbar ist es. Denkbar ist alles, im Rahmen unserer Möglichkeiten. Die aber auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind.

Ich lasse mich von dem Klappstuhl-Busfahrer in seinem Bus mit eingebautem Schrein durch die Gegend fahren und stelle fest, die Stadt ist sauberer geworden. Ich frage mich wie. Ob es beim Saubermachen sauber zu ging, oder nicht. Ich fürchte nicht. Das Resultat ist Sauberkeit, aber die Frage ist, wie ist es dazu gekommen. Sauberkeit durch Schmutz? Ich fürchte ja.

Ich treffe die Menschen der Oberschicht und schlafe bei ihnen. Manche leben und zweifeln an nichts. Nicht an ihren Autos, nicht an ihren gut umzeunten Häusern, nicht an ihren Hausangestellten. Nicht an den privaten Schulen ihrer Kinder, nicht an ihrem Strandhaus, nicht an ihrem Bankkonto. Manche leben und sagen dir offen ins Gesicht: Ja, wir beuten sie aus. Das machen wir hier schon immer so. Lachen und leben weiter.

Ich treffe Menschen aus der Unterschicht. Ich will helfen und kann es doch nicht in dem Ausmaß, wie ich gerne würde. Am liebsten würde ich denen aus der Oberschicht in den Arsch treten und schreien: Es sind doch eure Leute! Das sind doch Leute wie du und ich, du Arsch, es ist auch dein Interesse, dass es ihnen gut geht. Es ist unser aller Interesse. Wieso ist das so schwierig zu verstehen? Ich weiß es: Ihr habt es einfach nicht gelernt.

Ich bin Verschwendung, ich weiß. Ich bin der Tropfen auf dem heißen Stein, der sich sofort in Luft auflöst und verdampft. Aber ich weiß, wenn wir viele wären, dann würde der Stein abkühlen. Und ich kann sagen: Ich war einer davon. Ich verschwende mich gerne für das was mir richtig scheint. Nichts anderes hat Sinn. Ich weiß, dass Anderen Anderes wichtig ist. Ich weiß, das Andere anders sind. Ich weiß, ich weiß, ich weiß.

Ich weiß, dass ich erschossen und vergewaltigt enden werden. Ich weiß, ich werde im Straßenrand verroten und die Vögel werden an meinen Eingeweiden fressen. Bio, ihr Arschgeier! Es ist nicht sicher, aber viel wahrscheinlicher, als in Deutschland. Dort könnte ich es gemütlich haben, ich könnte es sicherer haben, ich könnte es bequemer haben. Aber auch sinnloser. Für mich.

Trotz all dem: Trotzdem!

Voy.

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“I don´t think identity´s fixed, the real, true self. It is constructed from historical processes: I´m the sum of that boy called a “coolie”, the Rhodes scholar, the socialist from Jamaica. Every identity that feels so solid is the result of excluding things you could have been. I go back to Jamaica and I adore it, but I couldn´t be a Jamaican. I ache for a parallel life I could have lived. I also couldn´t disappear into Englishness. I understand Britian; but I´m only British in a hyphenated way”.

~ Stuart Hall ~