Archive for the ‘FREIburg’ Category

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Stuttgart, Mannheim, Freiburg, Katzen und Hunde.

2. Dezember 2010
  • Sonntag früh in Stuttgart: Man wird von einem Englisch sprechenden, offensichtlich hochgradig erkältetem Mann angelabert, der sein Herkunftsland für ein veraltetes Konzept hält („ya know, ah don´t believe in cantries“) und wissen möchte, wo die Jugendherberge ist, was ich ihm seelenruhig und in aller Ausführlichkeit erkläre (und was – lucky guy – eines der wenigen Dinge ist, die ich über Stuttgart weiß, neben Hügel, Schwaben, Autos und das Alter, man will sie auf 21 operieren, aber in Wahrheit ist sie eine MILF). Dabei steckt man sich an. Mist! Statt wegzulaufen und zu schreien: Geh mit deinen Bakterien doch wo anders hin!
  • Montag Abend in Mannheim: Man fällt auf Körperteile, die dieses Jahr bereits aufgrund eines anderen Sturzes mehrmals geröntgt und MRTet wurden. Dem Orthopäden passt das nicht, mir auch nicht. Und nur, weil so ein Arsch mir vor´s Fahrrad läuft. Statt in ihn reinzufahren (wie es jeder vernünftige Mensch getan hätte), habe ich gebremst und falle – NATÜRLICH – auf mein Kreuzbein. Das ist mal wieder am Arsch. (Wobei, es ist eigentlich grundsätzlich am Arsch ;-D ) Wisst ihr eigentlich, wie wichtig dieses Teil ist? Man braucht es in jeglicher Hinsicht. Z.B. auch beim Niesen und Husten! Nicht zu verwechseln mit dem Kreuzband. Sagte doch beim letzten Mal einer zu mir: Gute Besserung für dein Knie. Laie!
  • Mittwoch Abend in Freiburg, laut niesend und mit kleinen Schritten gehend: Natürlich muss ich immer an Tocotronic denken. Allein schon, wenn man aus dem Bahnhof heraus kommt und den Leuten begegnet. Alternative linke Socken everywhere. Da gibt es die 68er, die sich niemals die Haare färben würden und deshalb gut an weiß-gräulichen Strubbelmähnen und einer gewissen Nachlässigkeit in der Kleidung  zu erkennen sind. Wichtig auch, bei den Frauen, es muss möglichst alles so weit sein, dass die Figur umweht wird und nicht erraten werden kann, wie das evtl. ohne aussehen könnte. Dann gibt es die Studenten, die in teurer Outdoorkleidung stecken. Die jungen Männer haben Bärte, die jungen Frauen lange, nachlässig hochgesteckte Haare. Alle sind sie hübsch, alle sind sie sexy, alle sind sie gewappnet für die Unwägbarkeiten der Natur. Und die Kinder der Touristen fallen in das sämtliche Straßen der Stadt durchziehende Bächlein und fangen an zu weinen. Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool. Und ihr demonstriert Verbrüderung.

Die Schwester einer guten Freundin, que la conocí allá, hat mal in Freiburg studiert und brachte zur Geburtstagsparty ihrer Schwester (in Stuttgart) eine CD mit Reggaeton-Liedern mit (der Tanz dazu heißt „perreo“ von Hund und impliziert auch die Stellung, aber sehen Sie selbst – hierzu braucht man sein Kreuzbein übrigens auch!). Man kann da schon zu tanzen. Aber wenn man die Texte versteht, dann vergeht einem ein wenig die Lust dazu. Das ist quasi Hörporno. Típico, típico, típico latinoamericano. Immer schön christlich, schön getrennt, Frauen hier, Männer da, no se le acerque demasiado, mija… a ver, papito, qué le gustaría comer, vengase y sientese aqui que yo le preparo una comida bien rica, und dann macht man das Radio an und hört „steck es mir von hinten rein“ und „noche de sexo“ und „la gasolina“ – aber bitte keinen Sex vor der Ehe. Meine Fresse, das ist so bigott! Como les gusta la apariencia…

In vielen Texten des Reggaetón wird die Frau als gata (Katze) bezeichnet – als wilde Katze (‚gata fiera‘), als ‚felina‘ (Wildkatze) oder als läufige Katze (‚gata suelta‘). Diese Katze ist schön und anmutig (‚gata sandunguera‘), aber auch Banditin (‚gata bandida‘, ‚gata gangster‘) und Wegelagerin (‚bandolera‘), die den Männern auflauert und sie zu ihrer Beute macht. Dabei betrügt und hintergeht sie die Männer durchaus (‚gata traicionera‘), sie ist souverän, und man kann ihr nicht trauen. Sie ist eine Teufelin im Bett (‚diabla en la cama‘), sie missbraucht Männer (‚abusadora‘), sie ist ein Killer (‚la killer‘).“ (Wikipedia) –> Hierzu fällt mir NATÜRLICH dieses Lied ein. Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung. OMFG! ;-)))

Also musste ich mir in Erinnerung rufen, dass es auch andere Musik gibt. Und dann habe ich die nächsten Tage etwas zu viel Manu Chao gehört. Ich mag ihn sehr. Wenn ich von Deutschland die Nase voll habe, wenn es kalt ist, wenn sie alle nur konsumieren wollen, dann höre ich Manu Chao. Schöner Rhythmus, der einem die Stimmung erhellt und die Texte sind eben auch super, z.B. „Tú no tienes la culpa, mi amor, de que el mundo sea tan feo. Tú no tienes la culpa, mi amor, de tanto tiroteo.“ Oder: „Me dicen el desaparecido, fantásma que nunca está. Me dicen el desagradecido, pero esa no es la verdad. Yo llevo en el cuerpo un motor, que nunca deja de rolar, yo llevo en el alma una condenda, que siempre me hecha a caminar.“

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Werde ich…

20. Dezember 2009

jeden Tag mehr ich selbst? Und: Werde ich radikaler?

Ich glaube, ich kann mehr ich selbst sein, mich mehr finden, seitdem ich Single bin. Eine Beziehung lenkt da irgendwie ab. Ich bin unabhängig (bis auf meinen Arbeitgeber) und ich werde immer linker. Nicht, dass ich das schlecht finde – ganz im Gegenteil, weil um einen herum alles angepasster wird – , aber ich merke, wie ich weiter und immer weiter weg von der „Mitte der Gesellschaft“ rutsche.

Dabei hab ich in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, sehr sehr sehr weit weg zu sein, aber manchmal – je nachdem auf was für einer Veranstaltung man so ist – denke ich mir: Ah, es gibt doch ein paar Menschen, die ähnliche Werte haben, ähnlich denken. Aber das reicht nicht, man muss auch tun. Man muss tun!

Ich versuche vorerst im Kleinen zu tun. Da gibt es eine ganze Menge. Aber es tut weh, zu sehen, dass nicht viele diese Einsicht haben. Dass man belächelt wird und ein bisschen ein Freak ist. (Lieber ein Freak als eine angepasste Tussi.) Muss ich denn nach Freiburg ziehen um mich nicht ganz als die totale Außenseiterin zu fühlen?

Wissen Sie, was ich glaube? Dass wir in eine Welt hineingeboren werden, in der sich niemand die Zeit nimmt, der zu werden, der er ist – und all diese Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen Menschen, die sich diese Zeit nehmen.

(Sean Penn)

Ich verstehe nicht, wie wir alle so vor uns hin leben können: Arbeiten, studieren, uns unterhalten lassen (vom Fernseher oder Musik hörend), hier mal krank sein, da mal eine gescheiterte Beziehung, hier mal fett einkaufen gehen, da mal eine Reise in die DomRep, hier mal ein Kinderwagen für 500 Euro, da mal mein Audi, hier mal schnell zum Lidl gefahren, der 30 Km entfernt ist, da mal schnell mit Billigflieger nach London, hier mal dick die Heizung in meiner 8-Zimmer-Wohnung aufgedreht und im T-Shirt durch die Gegend gerannt, da mal schnell mit 8000 anderen Bekloppten Weihnachtskonsumterror in der Fußgängerzone gemacht, hier mal schnell Tickets für eine Kabarett gekauft, da 6 Std. lang Videos auf YouTube angeschaut, hier Alkohol getrunken und diesen Mann klargemacht, hier mal „I love college, I love women“ gehört, dumm gegrinst und Bier getrunken…

Das ist der zum Scheitern verurteilte Versuch sein langweiliges, weich ausstaffiertes Leben mit Sinn zu füllen. Das ist kein Glück, kann niemals Glück sein! Ein großer Flachbildfernsehr macht nicht glücklich. Eine Pseudo-Ehe auch nicht. Mancher stellt es erst mit 50 fest, kennt dann aber keine Alternativen.

Der Tod gibt dem Leben seinen Sinn. Es sind die Religionen, die das umdrehen, all diese menschenvernichtenden Religionen. Alle. Das ist der Lärm, der mich so ankotzt. Ich vertraue darauf, dass die Menschen eine Religion haben. Als Individuen, nicht als Gruppe. Wie bitte, man muss zu einem Club gehören, um etwas glauben zu dürfen? Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann und worin sich die Wissenschaft und die Religion einig sind: Wir werden sterben. Wenn wir den Tod akzeptieren als die einzige wirkliche Veränderung in unserem Leben, dann haben wir auch die Möglichkeit, ein paar Antworten darauf zu finden, was wir mit unserem Leben anfangen sollen.

(Sean Penn)
Ich sehe zu viele aufwühlende Filme: Revolución, Baader-Meinhof-Komplex, The Age of Stupid, Garden State und gestern Abend „Into the Wild„. Und dieser Film hat mich sehr berührt. Sean Penn ist ein Leuchtturm.

Ich weiß nicht, wohin das alles führt, aber es fühlt sich grundsätzlich gut an, obwohl manchmal auch Gefühle wie Wut, Hilflosigkeit, Einsamkeit dazu gehören. Es führt irgendwo hin. Zum Tod sicherlich. Aber das ist ja sowieso unser aller Ziel. ;-)

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Völkerverständigung

14. September 2008

Heute hatte ich eine interessante Begegnung im Zug. Und zwar saß neben mir ein Chirurg aus Kabul mit dem ich nach einer Stunde gemeinsamen Schweigens doch ins Gespräch kam. Er sei für drei Monate in Freiburg um dort in der Frauenklinik eine Fortbildung in „obstetric surgery“ zu machen (chirurgisches Teilgebiet der Geburtshilfe).

Nachdem er mir erst einmal 60 Bilder seines einwöchigen Wienurlaubs gezeigt hatte, auf dessen Rückreise er sich gerade befand („I have three cousins in Vienna.“) , und mir ausführlich vorgeschwärmt hatte, wie schön diese Stadt doch sei, habe ich ihn ein bißchen über Afghanistan ausgefragt. Es sei „very different from Germany“, was ich glatt glaube. Es gäbe dort keine Züge. Daraufhin ich: Aber vielleicht in 10 Jahren? Und er: „I don´t think so, the Americans don´t want us to have trains.“ Hm, ok.

Dann habe ich ihn gefragt, wie ihm seine Fortbildung gefällt und er erzählte begeistert davon. Er lerne so viele neue Methoden kennen. Ich, mit meinem kürzlich angeeigneten, noch deutlich ausbaufähigen Medizinwissen: „Minimalinvasive Chirurgie“? Er: „No, we don´t have the instruments to do this.“ Ich, Dappes, schämte mich dann natürlich etwas. Klar, dass die in Afghanistan für diese Methoden nicht genug Geld haben. Eine Privatklinik mache das, aber in seinem staatlichen Krankenhaus würden sie so etwas nicht einsetzen. Auch erzählte er mir, dass es immer noch einige Männer gäbe, die ein ziemliches Problem damit hätten, wenn ein Arzt eine Frau untersucht. In solchen Fällen müssten dann die wenigen Medizinerinnen, die es an seinem Krankenhaus gäbe, die Voruntersuchung machen. Die OP würde er dann aber wieder selber machen dürfen/müssen.

Am Ende haben wir E-Mail-Adressen ausgetauscht und er sagte mir, er wolle mir Fotos von seinem Krankenhaus in Kabul schicken. Also bin ich gespannt und werde euch auf dem Laufenden halten, sobald bzw. falls diese eintreffen. Definitiv eine interessante Begegnung.

PS: Züge mit Neigetechnik sind ein Fluch der modernen Technik. Mir wird darin immer leicht übel.