Archive for the ‘Literatur’ Category

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Geschlecht

24. September 2013

Ich muss mal wieder Romane lesen. Ich tue das gerne, ich suche sie mir nur nicht aus und außerdem muss ich sie zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig gelesen haben, das ist manchmal anstrengend. Ich lese also mehrere Romane, und da fällt mir wieder einmal dieses grässlich neutrale Wort auf, das von manchen Autoren und Übersetzern eingesetzt wird, wenn es um unsere Geschlechtsteile geht.

Werte Autoren und Übersetzer, ich möchte nirgendwo Sätze lesen wie „er presste sein Geschlecht an ihren Bauch“, „er rieb sein hartes Geschlecht an ihm“ oder gar „in ihrem Geschlecht verspürte sie eine zuckende Regung“. Ähnlich schlimm: „In ihrem Schoß wurde es spürbar wärmer.“

Leute! Nennt die Dinge doch einfach mal beim Namen. Auch wenn es hochwertige Literatur ist, bedeutet dies nicht, dass man sich vage um die Sache herumdrücken und dafür Wörter verwenden muss, die wirklich niemand braucht. Penis und Vagina sind vollkommen benutzbar. Gerne auch „Schwanz“ oder bei der Frau eben nicht einzeln benannt, denn wir spalten „sie“ nicht so sehr von unserer Persönlichkeit ab, wie die Männer, sondern so etwas wie „sie verspürte eine angenehme Wärme zwischen den Beinen und wurde feucht“.

Verschont uns bitte mit diesem schrecklichen, furchtbar ungenauen, fast schon klinischen und vorsinnflutlichen „Geschlecht“.

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Blonder Tango

20. April 2013

Zitate aus „Blonder Tango“ von Omar Saavedra Santis. Neues Leben: Berlin, 1983:

„… sieht nur, was es für Sachen gibt, gib acht auf dich, Brüderchen, vergiß nicht den Cambita Ojopi, der dich so gern hat, na also; wenn du dort in dem Europa der blonden Schamhaare und der kleinen Herzen bist, erinnere dich an deinen Camba und komm bald zurück, laß mir die Adresse von deiner Familie da, denn bald komme ich aus diesem Wüstengrab voll Sonne heraus…“ (S. 14f.)

„… denn ich kann mir vorstellen, daß diese Sprache eine schreckliche Sache sein muß, Gott sei Dank sprichst Du etwas Französisch, und das müßte Dir weiterhelfen, denn Dein Onkel Alfonso hat mir erzählt, daß alle Deutschen bis zu drei und noch mehr Sprachen sprechen.“ (S. 19)

„Ich hätte niemals gedacht, daß Du beim Theater enden würdest, umgeben von Künstlern und bedeutenden Leuten, aber ich freue mich für Dich, weil das Theater Dir immer so großen Spaß gemacht hat, genau wie Deinem Vater. Außerdem hat Josefina Apablaza mir gesagt, daß diese Länder eine viel höhere Kultur haben als wir hier, und so muß es auch sein, dafür ist es Europa.“ (S. 20)

„… und sie blieb, ohne recht zu wissen, warum, sie stellt die Tassen symmetrisch auf den Tisch, oder sie blieb, weil auch sie ihn begleiten wollte, die Kekse und den Zucker, und die magische Formel finden wollte, um ihn zu trösten, überlegt, wo sie das Saccharin hingestellt hat, der fliegen gelernt hat in einem so fernen und mysteriösen Kontinent, den sie liebt, ohne ihn zu kennen, verflucht ihre Tendenz zuzunehmen, nur weil er von dort kam, beschließt, den Kaffee schwarz zu trinken, denn als er zu ihr sprach, war es, als würde man einem Land begegnen, das man nicht hat und das man begehrt, sie sagt ihm, daß der Kaffee kalt wird, denn er weckte in ihr einen Hunger, das Unbekannte kennenzulernen, weckte auch in ihr einen Hunger nach ihm, verbrennt sich mit dem ersten Schluck heißen Kaffees die Zunge, aber das sagt sie ihm nicht…“ (S. 64f.)

„<Als wir uns kennenlernten, wolltest du nicht.>
<Weil du betrunken warst, und da wäre es genauso gewesen wie masturbieren. Genau wie jetzt.>
<Ich wollte zwischen uns nichts versauen, verdammt! Ich wollte nicht! Weil es leichter ist, mit jemandem zu ficken, als sich zu unterhalten! Bring das in deinen deutschen Dickkopf hinein!>
<Sich unterhalten oder dir zuhören? Sich wirklich unterhalten? Dein einziges Interesse gilt doch immer nur dir selber und deiner verfluchten Geschichte vom Kindchen, das so fern von zu Hause ist.>“ (S. 66)

„… das Leben verläuft hier ohne große Turbulenz. Ein bißchen zu ruhig für meinen Geschmack, aber ich bin sicher, Dir würde es gefallen, Onkel. Ich frage mich manchmal, ob man bei so viel Sicherheit wirklich glücklich sein kann. Es ist, als würde man in einem Sanatorium leben, aber das scheint sie nicht weiter zu stören. Ich glaube, sie versuchen immer, den heutigen Tag sehr dem gestrigen gleichen zu lassen und den morgigen sehr dem heutigen.“ (S. 68)

„Diese Ruhe, von der ich Dir erzähle, wird immer dann verdächtig, wenn man ihnen zuhört, wie sie nach Gründen und Motiven für die einfachsten Dinge des Lebens suchen. Halb im Scherz, halb im Ernst (wie immer) sagen wir, daß dies die Lieblingslosung der Deutschen ist ‚Wozu einfach, wenn´s auch kompliziert geht.‘ Im Theater ist das eine goldene Regel. Ich glaube, ihnen fehlen ein bißchen Sonne unter den Füßen und Flügel zum Fliegen.“ (S. 68)

„Doch obwohl ich keine direkte Erfahrung gemacht habe, glaube ich, daß die Ehe eine sehr ernste Angelegenheit ist, von der man zwar weiß, wie sie beginnt, aber nie, wie sie endet. Es geht mir auch der Gedanke durch den Kopf, daß mit einer Deutschen die Sache noch um vieles ernster ist. Wenn Du mir den Vergleich gestattest, so glaube ich, daß es etwas Ähnliches sein muß wie eine Mischung aus Pelé und Beckenbauer, das heißt, etwas, was man sich nur sehr schwer vorstellen kann.“ (S. 120)

„Niemals könnte ich sagen, daß ich mich in diesem Land zu Hause fühle. Das wäre wirklich eine rosarot gefärbte, exakt graue Lüge. Ha! … Habe ich Ihnen schon von dem Nein der Deutschen erzählt? … Lassen Sie mich erzählen, so werden wir etwas zu lachen haben. Unter den Rezepten, die wir uns ausdachten, um uns dem Heimweh hinzugeben, nahm das Nein der Deutschen lange Zeit einen besonderen Platz ein: Wir setzten uns, gemeinsam mit anderen Landsleuten, hin, um die Nein aufzuzählen: die Deutschen sind nicht unterhaltsam, die Deutschen verstehen nichts vom Essen, sie verstehen nicht, sich zu betrinken, sie haben kein Temperament, sie blicken nicht zum Himmel, sie sind nicht großzügig, sie können nicht tanzen, sie sind nicht bescheiden, sie verstehen nicht zu verlieren, sie verstehen nicht zu gewinnen, sie essen keine rohen Muscheln, sie üben keine Selbstkritik, sie nehmen keine Kritik an, sie glauben nicht, sie können nicht über sich selbst lachen, sie haben niemals Zeit, sie hören nicht zu, sie sind nicht flexibel, nein, nein und nochmals nein. Nun die Liste war lang … Und wir? Nun, wir mußten glauben, daß wir eben besser waren… Selbst wenn Sie mir nicht glauben, auch das war und ist ein Teil der Liebeserklärung an dieses Land und seine Menschen…“ (S. 131f.)

„… wenn du deinen Mund nicht aufmachst, um auch auf unsere Probleme einzugehen, entziehst du uns auch die fremden Augen, die manchmal mehr sehen als unsere eigenen, läßt du uns allein in einer Provinz, und wenn das geschieht, werden wir weiterhin glauben, daß diese Provinz die Welt ist und wir ihr Nabel.“ (S. 143)

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Graf Koks von der Gasanstalt

25. März 2013

Selten so gelacht. Geile Scheiße. Ich könnte hüpfen vor Freude über diesen Roman, der wirklich so gut ist, wie alle sagen.

Tschick. Von Wolfgang Herrndorf. Dem man dafür nur unendlich danken kann.

„Ich habe ihn vom ersten Moment an wahnsinnig gehasst, aber das fiel mir nicht ganz leicht. Weil, André ist nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter, aber er ist auch nicht komplett hohl. Er kann ganz nett sein, und er hat etwas Lässiges, und er sieht, wie gesagt, ziemlich gut aus. Aber er ist trotzdem ein Arschloch. Zu allem Überfluss wohnt er nur eine Straße weiter von uns, in der Waldstraße 15. Wo übrigens nur Arschlöcher wohnen. Die Langins haben da ein riesiges Haus. Sein Vater ist Politiker, Stadtrat oder so was. Klar. Und mein Vater sagt: Großer Mann, dieser Langin! Weil er jetzt auch in der FDP ist. Da muss ich strahlkotzen. Tut mir leid.“ (S. 33f.)

„Ich stand barfuß auf der Treppe vor unserem Haus und spritzte mit dem gelben Schlauch rum. Ich hatte das Wasser voll aufgedreht, der Strahl schoss mindestens zwanzig Meter durch die Luft. Die entfernteren Ecken des Vorgartens erreichte ich trotzdem nicht, obwohl ich mit allerlei Tricks und Rumschrauben an der Düse versuchte, noch weiter zu schießen. Weil, ich durfte jetzt auf keinen Fall von der Treppe runter. Das war Bedingung. Im Wohnzimmer White Stripes voll aufgedreht, Haustür offen, und ich: Hose hochgekrempelt und barfuß, Sonnenbrille im Haar, Graf Koks von der Gasanstalt sprengt seine Ländereien. Das konnte ich jetzt jeden Morgen!“ (S. 80)

„Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt ein paar Stücke schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kurányi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kurányi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat. Am Ende riss er alles wieder runter und pappte sich einen kleinen, quadratischen Klebestreifen unter die Nase. Damit sah er aus wie Hitler, aber das wirkte aus einiger Entfernung tatsächlich am besten. Und weil wir eh in Brandenburg waren, konnte das auch keine politischen Konflikte geben.“ (S. 107)

Und dann natürlich noch das geile fiktive Telefonat mit Tante Mona auf Seite 207f. Das ist einfach zu gut!

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cómo viajar sin ver

14. Februar 2013

„Cómo viajar sin ver“, el reporte de viaje de Andrés Neuman, me está salvando del peor vacio después del regreso, haciéndome reír y entristeciéndome a la misma vez.

  • Vivimos siempre en varios lugares al mismo tiempo. (p. 15)
  • Sólo queria escribir de lo que mirase, escuchase, comprendiese o malinterpretase mientras atravesaba ese laberinto denominado Latinoamérica. (p. 15)
  • …imperfectamente madrileños, incompletamente argentinos, patriotas de los azares de la vida… (p. 17)
  • Despedirse es un modo de ensayar la muerte, pero también cierta clase de resurrección. Las despedidas en un aeropuerto tienen algo angustiante y a la vez liberador. Nos quedamos sin nada para abordar un posible todo. (p. 18)
  • Su lugar es la frontera entre irse y llegar. (p. 18)
  • Volar es empezar a aterrizar. (p. 19)
  • Aterrizo con parte de mí en otra parte. (p. 21)
  • Al viajar a determinados lugares, nos desplazamos hacia delante con el cuerpo y hacia atrás con la memoria. Entonces avanzamos hacia algún pasado. (p. 39)
  • Los montevideanos son porteños sin histeria. (p. 42)
  • Habría que vivir en este país para entenderlo. (p. 44)
  • No se puede hacer nada contra lo que no te llega. (p. 68)
  • Lejos del intercambio entre culturas, la globalización tiende a ser un premiso para que el pez grande nade también en aguas pequeñas. (p. 213)
  • Uno despega para aterrizar en sí. (p. 249)
  • La globalización es una disponibilidad hipotética. No nos interesa informarnos realmente sobre un lugar, hasta que vamos a él. Estar y saber: sinergia. (p.250)
  • Quizás el mayor libro de viajes, el más incierto de todos, sería el de alguien que no va a ninguna parte y vive imaginando sus posibles movimientos. Frente a una ventana parecida a un andén, su autor levantaría la cabeza y sentiría el vértigo del horizonte. (p. 250)
  • Y bien, ya estoy aquí. Pero dónde es aquí? (p.250)

Duele leer cosas que te tocan profundamente porque reflejan tus estructuras internas y al mismo tiempo saber que la persona que las escribió existe, pero que no la vas a conocer. Habrá que contentarse con que hayan sido escritas.

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Das einzige glückliche Ende…

14. Oktober 2012

Ziemlich krassen, faszinierenden und irgendwie zart-brutalen Roman gelesen: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall, von Joao Paulo Cuenca. Ich zitiere:

„Eines Tages wirst du verstehen, dass das einzig mögliche glückliche Ende einer Liebesgeschichte ein Unfall ohne Überlebende ist.“

„Fotos sind gut für Reklame, für Werbung, um ein Produkt zu verkaufen. doch nicht dazu, Erinnerungen an eine Person zu bewahren, seine (sic!) Abwesenheit zu ersetzen. Ein Foto ist eine abnormale Manipulation: Zeit hat in ihm keinen Raum. Ein Fotoapparat ist wie eine feine, rechteckige, lichtschnelle Klinge. Erinnerungen dagegen müssen der Zeit unterliegen.“

„Vielleicht steht dieses fiebrige Verlangen der Menscheit, alles festhalten zu müssen, in Zusammenhang mit dem Wunsch, der Welt einen Sinn zu geben, wie ein Bibliothekar, der Karteikarten sortiert und die Bücher in Ordnung hält. Insbesondere dieses Bedürfnis besitze ich nicht mehr. Ich sehe, ich häufe jedoch nichts mehr an. Es ist, wie die Unordnung zu akzeptieren.“

„Wir frühstücken neben einer Gruppe hysterischer Teenager mit Taschen von Louis Vuitton, Fendi, Gucci und Prada, all diesem dekadenten europäischen Müll am Körper, alle unglaublich geschminkt und Misako sehr ähnlich […].“

„Die Männer im Büro haben aufgehört, mir hinterherzutelefonieren. Die verschlossenen Umschläge unter der Tür meiner Wohnung lassen mich jedoch ahnen, dass mein Fehlen bereits zur Entlassung aus triftigem Grund geführt hat. Ich kann mir auch vorstellen, was sie auf dem Flur reden, die Kommandanten dieser unnützen Armee von Krabben in einem Kochtopf, die sagen <<Ich fand ihn schon immer irgendwie seltsam>>, <<er hatte ja wenig Kontakt zu seinen Kollegen>> und <<vielleicht geht die Planung jetzt ein bisschen zügiger von der Hand!>>.“

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Statt zu schreien…

23. September 2012

Das ist ein richtig beeindruckender Roman. Auch wenn er nicht dick ist und nicht mit einem komplizierten Sprachstil aufwartet. Die Art des Erzählens ist das Geniale daran. Weil: So muss das wohl sein, wenn man Romane schreibt und versucht den autobiografischen Teil Fiktion werden zu lassen. So muss das wohl sein, wenn man versucht, schreibend seine Kindheit zu verstehen.

Die zwei dem Buch vorangestellten Zitate sind auch bezeichnend:

„Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr.“ W. Benjamin

„Statt zu schreien, schreibe ich Bücher.“ R. Gary

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Maybe it was something you turned off and on

18. September 2012

Eine alte Erinnerung aus den 90ern:

Maybe it was something you turned off and on, being a bitch…

Laurie threw her head back, her blue dress still unfastened. What in hell were you supposed to do with your looks? Collect just one man, very rich, with a number of houses, and have everyone look up to you? Be a good girl, date nice boys, not say mean things to the Careys and Phyllises, not make the Roy Delberts cry?

She zipped up her dress savagely. No: she´d rather be mean and bad and have a foul character. She´d sleep with Martin. Her mother could go to hell.

She savagely unzipped her dress and pulled it over her head. She threw it on the floor, where it would irritate Carey, who didn´t have a date. She reached into the closet and pulled out her new black dress. Her mother had said she was too young for black.  Laurie laughed, showing her teeth. She wasn´t going to wear a girdle, either. Her behind was going to shake its heart out. The dress fit very well. Laurie sighed and patted her hair, pushing one strand over her forehead. Then with a Kleenex she wiped the curve off the corner of her lips. Sullen juvenilia, that was her. Bad world. Bad Laurie.

~ Ende von Harold Brodkeys „Laurie Dressing“ (First love and other sorrows)

 

Ich liebe das, wie sie beschließt, nicht länger brav zu sein und vom Mädchen zur Frau zu werden. Argh!

Und passend dazu ein ziemlich geiler, aktueller Remix von einem Song, der auch ungefähr aus dieser Zeit stammt: Say my name!

PS: Ich will nach Santiago und Honneckers Enkel kennen lernen! Sorry, das kam gerade so über mich.