Archive for the ‘schreibenOHNEdenken’ Category

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Schreiben

15. September 2015

Ich glaube, ich muss schreiben, um mich selbst zu verstehen. In der oberen Etage wabert das ja alles in einer ziemlich undefinierten Masse, die mal in diesen, mal in jenen Winkel schleicht, mal diese, mal jene Gehirnwindung erkundet. Nebenher soll man aber trotzdem funktionieren. Ich glaube, wenn ich schreibe, dann gebe ich dieser Masse Struktur, bringe Ordnung ins Chaos und bin irgendwie Herr der Gedanken. Das ist gut. Etwas aufzuschreiben bedeutet, ihm eine Form zu geben. Sprache ist eine Art Geburtsvorgang.

Ich sollte wieder viel öfter die Zügel in die Hand nehmen.
Um weniger beeindruckt/bedrückt von dem Nebel zu sein.
Ordnung und Struktur.

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me rindo :-)

20. April 2013

Un amigo mio escribe:

Salgo cuando la gente buena en sus sueños está, pensando en que nosotros, los llamados malos mostramos una vida basada en felicidad.

Me gusta esa frase. Y también me encanta „me rindo„.

Realmente tengo que confesar que me rindo…
me rindo antes las ganas de seguir adelante por la vida descubriendo todo lo que se me ponga en frente.
Me rindo ante las ganas irresistibles de soñar…
soñar con cosas imposibles, por que sé cosas posibles ya sé demasiado.
Me rindo frente a las tentaciones de hacer todo, y hacer nada.
Me rindo ante el sentimiento del amor, un sentimiento que aunque quiera negarlo o dejarlo nunca lo podré.
Me rindo ante mi mirada frente al horizonte, por que de esa manera no ayudo en nada a mis pies.
Me rindo frente a soportar la discriminación, la discriminación de personas frente a otras personas.
Me rindo frente a soportar el asesinato, el asesinato de un animal por parte de otro animal.
Me rindo frente a resistirme a mi desenfreno, ya que al reprimirlo no puedo ser el cuerdo frente a este mundo de locos.
Me rindo ante las ganas de que mis ojos se cierren para no seguir quemando mi mente con lo que ve, y ver solo lo que mi mente pueda crear…
Me rindo frente a este mundo de normales, por que realmente nosé si yo soy el normal o el distinto…

Antaroz

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Buschnacht

3. Dezember 2011

eine Mannheimer Erzählung.

Motive: Mannheim, Jungbusch, Identitätskonstruktion durch Raum und soziale Praktik, Leben, Erleben, Transkulturalität, hart sein vs. sich fallen lassen, chaotische Alltagsrealitäten, elektronische Musik, Effekte von sozialen Kontexten, das boshafte unsicherheitsbasierte Coolsein junger Menschen vs. seltener Herzlichkeit, das Glück des Vorhandenseins von Drogen, selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe.

Line, Jens und ich abends in der Jungbuschstraße. Wenn es eine Straße gibt, die für mich aufgeladen ist mit Bedeutung, dann ist es diese Straße. Was da schon alles passiert ist. Ich könnte jetzt Hausnummern aufzählen, aber ich lasse es. Mit wem ich diese Straße alles verbinde. Wieviel Teile meiner Identität mit dieser Straße zu tun haben. Denken wir für den Rest des Textes die Jungbuschstraße als Wirbelsäule meiner Identität. Jedenfalls, die herzliche Line, der schüchterne Jens und die sprudelnde M. (es sprudelt aber immer nur, wenn man es schüttelt) im C., weil da die Band unseres Vertrauens spielte (wobei einer davon überlegt aus der Musikmacherei auszusteigen und Manipulator zu werden und ein anderer davon früher ein netter Junge war und nun zur Gottwiegeilichbin-Fraktion gewechselt ist, man wundert sich jedenfalls etwas…). Ich war erstmal leicht müde, nüchtern und schüchtern, vorsichtig und gehemmt. Auf hab acht, statt bei mir selbst zu sein.

Es ist nämlich so: Ich praktiziere grundsätzlich Selbsthemmung, aber an manchen Abenden Enthemmung (die Autorin dankt dem Universum für Drogen, zum Beispiel in Form von Alkohol). Ich bin dann enthemmt, wenn ich natürlich bin und mir keine Grenzen setze. Die Grenzsetzungen, die Schwarz-Weiß-Malerei, das Ganz-oder-garnicht-Verhalten, die ich zuhauf an den Tag lege, sind begründet in unverarbeiteten transkulturellen Identitätskonflikten. Sozialisationsbedingt bin ich etwas orientierungslos, deshalb halte ich mich verbissen an Dingen fest und liebe Ausschluss und Differenzbildung. Ordnung im Geist, Psychohygiene. Weil ich in mir drin extrem unordentlich bin. Weil ich weiß, dass alles relativ ist. Chaotische Alltagsrealität. Dreck im Gesicht. Tod am Hafen. Kennen wir ja schon. An zuviel Sagrotan sollen aber auch schon Menschen zugrunde gegangen sein, meine Liebe, also lass das Chaos zu. Mit Wein zum Beispiel. Rotwein über alles. Eigentlich trinke ich im C. zur Enthemmung immer Zweigelt, heute Cabernet Sauvignon. Nicht ganz so gut. Mein Lieblingskoch ist nicht da, schade. Das C. ist nämlich auch so ein Ort. Es riecht nach Geschichte, unserer Geschichte. Es war eine Etappe unseres Lebens.

Mannheim. Da liess es sich ohne Mann aushalten, ohne ernsthafte Beziehung jedenfalls. Und während ich in den letzten Zügen meiner 20er steckte, war ich unter anderem Dienstleisterin für Akademiker – Sklaven des Impact Factors und der Drittmittelhascherei – und 20-Jährige, zu denen der Entwicklungsabstand erst kaum bemerkt wurde, um schließlich immer alarmierender ins Bewusstsein zu rücken: Unsere Kinder. Unsere Poster-Kinder, unsere ungeduldigen Druck-Kinder, unsere Studis, unsere Spätpubertierenden, unsere Party-Kinder, unsere Sich-Abchecker, unsere Kleinherdentiere, unsere Kicherer, unsere Klausurlerner, unsere Ungedulds-Kinder, unsere Erstis, unsere Kreutzer, unsere nervösen Examenskandidaten, unsere Nervensägen, unsere Heulbojen, unsere bekifft vor facebook-flackernden Bildschirmen schlafende Testosteron-Sprüher, unsere H&M-Schickeria, unsere Geheimnisvollen, unsere Unheimlichen, unsere Pornogucker, unsere Gebührendiskutierer, unsere verschämt Guckenden, unsere Kinder. Moment, ich war doch vor Kurzem auch erst so. Und trotzdem ist das Erwachsenwerden so gnadenlos, dass man sich kaum zurück versetzen oder gar erinnern kann, wie es war, bevor man älter wurde. War auch ich einmal so unfrei/unreif/unsicher?

Jedenfalls: M. Mein Engel mit Schnauze, lieb und nett, agressiv und destruktiv. Kollegin, Freundin, Verbündete. Man sagte uns gar eine Ehe nach. Nicht nur verarzteten wir gemeinsam unsere Kinder, Akademiker und Menschen-Handwerker, nein, privat ging auch eine ganze Menge. Denn wir mussten raus aus diesem akademischen Umfeld, dieser ausgedachten Welt. Und da die Kaffeepausen im sogenannten „Paradies“ nicht reichten („Currywurst mit Pommes, wea hod Körriworschd mit Bommes bestellt?“) um genug Konfrontation mit den gemeinen Mannheimern und der realen Welt abzubekommen, gingen wir nach einiger Überlegung („wir müssen etwas tun“ – „es muss etwas passieren“) und Konzeptschreiberei am sonnigen Rhein schnurstrakst in den verruchten, aber eigentlich ziemlich harmlosen Stadtteil Jungbusch und lernten dort Musiker, Künstler, Türken, Mystiker, Alkoholiker, 68er, Hipster, schräge Typen, interessante Menschen und Mannheimer Originale kennen. Immer mit Frau Gentri F. Izierung im Nacken, dieser blöden Sau. Soviel jedenfalls in aller Kürze zu diesem Ort und meinem/unserem Platz darin.

Die Line lebt im Jungle. Und der Lieblingskoch auch. Und der Journalist auch. Und der schüchterne Jens lebte mit der Line und vier anderen, aber diese WG wird auch ständig neu konstruiert. Jedenfalls saßen wir gestern Abend am Katzentisch. Das ist der Tisch, an dem die Musiker immer sitzen, lauschten der Musik und ich schaute dabei auf die Oberarme des lustigen Schlagzeugers („ihr sitzt ja immer noch da, bin ich nicht laut genug?“). Oberarme sind beim Mann das was bei der Frau der Ausschnitt ist. Lecker. Aber ich war ja noch gehemmt. Also verbot ich mir meinen sofortig einsetzenden mentalen Durchfall, der mich mit dem Körper des Schlagzeugers in Verbindung brachte, um das mal ganz diplomatisch zu sagen. Schöne Oberarme, schöne Hände. Die Hände sind beim Mann das, was bei der Frau die Brüste sind.

Das Publikum war sehr jung und wir kannten während des ersten Sets kaum jemanden. Was seltam selten ist. Während des zweiten Sets war das schon anders. Und als dann fertig war und wir gingen, standen ein paar Posterkinder vor der Tür. Die Posterkinder kommen auch manchmal in den Jungle. Mich irritiert das immer ein wenig, weil ich dann die Grenzen schließen muss, wobei der Zweigelt und ich doch erst gerade ein Schengener-Abkommen zur Öffnung geschlossen hatten.  Also schnell weg, zumal Mr. Whisky da auch herum stand. Ein langfristiges Alkohlproblem von mir. Höchste Zeit zu gehen… aber nicht ohne noch die obligatorischen Komplimente für mein Fahrrad mitzunehmen. Ich bekomme von Männern immer Komplimente für mein Fahrrad.

Während ich noch leicht im Post-Whisky-Zustand war (hätte ich bleiben sollen, hätte ich ein Gespräch anfangen sollen, meine übliche Reaktion), gingen wir weiter ins O. Dort unverhofft gute elektronische Musik. Ahhh, elektronische Musik, my love. Das und drei Moscow-Mules waren eine hervorragende Ablenkung. Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass im O. getanzt wurde. Aber gestern tanzten eine erlesene handvoll Menschen mit gutem Geschmack zu guter Musik. Ich stehe gerade sehr auf diesen organischen, wabernden Elektro mit afrikanischen oder lateinamerikanischen Ryhthmen drin. Sogar Jens hat getanzt. Es macht Spaß zu sehen, wie die Nicht-Enthemmten etwas auf die Enthemmten neidisch sind. Was man sich dort auch schön anschauen konnte, ist wie sozial anstrengend doch Menschen mit unausgegorener Persönlichkeit sind. Die sind nämlich nicht echt, teilweise boshaft und verhalten sich ausgrenzend-abweisend. Damit meine ich diese ganze Grüßen oder Nicht-Grüßen-Geschichte. Das Sich-Anerkennen oder das Ignorieren. Das verstehe ich nicht. Entweder ich kenne einen Menschen und grüße ihn (man kann das durchaus knapp halten) oder ich kenne jemanden nicht. Seltsames Gehabe. Da lobe ich mir die Herzlichkeit der Line, was ich ihr auch gleich gesagt habe. Und sie meinte, das gehe für sie gar nicht anders. Nur das sei es wert, gelebt zu werden. Sie hat ja so recht! Der neue türkische Besitzer des Ladens schaute sich in dieser ganzen Zeit vom Tresen aus diese partisierende Menschenmischung mit Sorge und Verwunderung an und bat den DJ dann irgendwann leiser zu machen.

Man trifft natürlich doch wieder ein paar der üblichen Verdächtigen. Da ich mittlerweile auf funktionale Weise enthemmt war, lief es auch mit dem Anlabern ganz gut. Einen Drink ausgegeben bekommen. Den Namen des DJs erfahren (schön). Ein wenig geflirtet. Mir krasse Sachen habe sagen lassen (von einem mit ähnlichem Vibrationshintergrund): Ok gut, ich mit meinen harten Prinzipien. Mehr Chaos zulassen. Gut. Nichts planen. Gut. Ok. Wabern. Ok. Ok. Ok. Ich versuche es ja. Meinen Marktverkäufer getroffen und den Jungen von der Fahrradparade. Dieses sich beim Weggehen nahe am Gesicht unterhalten, mag ich außerordentlich gerne. Es ist so intim, man ist sich plötzlich so nahe. Kurz realisiert, dass ich scheinbar anziehend sein kann. Das tut gut. Ich mochte den Abend dann doch noch sehr.

Statt in die D2, wo alle noch hinwollten, sind wir dann beim Türken gelandet und haben um 4 Uhr nachts lecker gegessen. Lammspieße. Nach dem Feiern noch etwas zu essen ist auch wie so ein Ritual. Ich will das nicht verlieren, nur weil ich bald 30 bin. Ich will weiter gute Musik hören, mich mit Freunden gehen lassen, tanzen und Gespräche nahe am Ohr führen. Genau das ist Glück. Wenn Dinge passieren, an die man nicht gedacht hatte. Wenn Dinge anders kommen, als man sie sich ausmalt. Wenn man es schafft, es sich gar nicht mehr auszumalen. Keinen Plan haben, oder nur einen groben. Das Leben sich entwickeln lassen. Hatte ich diese Erkenntnis nicht schon einmal? Nichts kaputtzubewerten oder kaputtzufantasieren. Wie schaffe ich es mich dauerhaft zu befreien? Ich bin auf dem Weg… Italian state of mind. Mehr Rotwein!

Nach Hause gekommen, glücklich gewesen und nur leicht angetrunken. An diesen Abenden ist meine Zuneigung zu Mannheim unheimlich groß. Die neue Freiheit liegt darin, trotzdem loslassen zu können, ohne dass es schmerzt. Ich will gehen, ohne dass es schmerzt. Sich nicht an Erinnerungen festhalten, sondern den Moment richtig er/leben.

— Zugabe 1 —

„Wir sollten unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Beobachtung unseres Gegenstandes richten, sondern auch auf die Art und Weise der Beobachtung unseres Gegenstandes.“ – A. Pott: Identität und Raum, in: Kulturelle Geografien, 2007.

— Zugabe 2 —

Sie suchten nach Bildern zu „Buschnacht“.

Leider keine Treffer.

Meinten Sie „beechnut“?

Nein, *seuftz*, meinte ich nicht!

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Die Schreibmaschine

19. Juli 2011

„Seitdem schreibe ich fast täglich. Ich bin eine echte Schreibmaschine geworden. Aber über die Frage, wieso ich schreibe, habe ich lange Zeit nicht nachgedacht. Erst vor Kurzem: Das Schreiben hatte immer etwas mit meinem Innenleben zu tun, das mich unaufhörlich dazu zwang. Dabei haben sich drei Phasen ergeben, die mir jedoch gar nicht bewusst waren. Am Anfang schrieb ich und dachte durch dieses Schreiben könne ich meine Gefühle in Worte fassen. Wie eine Art Blitzableiter, der mich vor seelischen Niederlagen schützen sollte. Wenn mich ein Schicksalsschlag traf, schrieb ich und erfuhr so eine Erleichterung, als wären die Blitze, die meine Seele durchzuckten, auf das Papier abgeleitet worden. In der zweiten Phase glaubte ich, mit dem Schreiben die Welt verändern zu können. Genau wie ein Revolutionär, aber eben nicht mit der Waffe, sondern mit dem Bleistift. Daran glaubte ich wirklich sehr lange. Letztlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass ich mich durch mein Schreiben selbst besser verstehen kann.“

~ Abbas Khider: Der falsche Inder ~

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Das dringende Gefühl

11. März 2011

Mein alter Freund M. rief mich an, sagte mir, ich glaube, ich muss kommen und er kam, gleich am nächsten Tag aus B. angefahren, um mit mir zu Essen, anschließend nach Heidelberg zu fahren und auf dem Weg dorthin gemeinsam zu bemerken, dass wir nicht rechtzeitig zum beginnenden Theaterstück ankommen würden, so dass wir entschieden, erneut gemeinsam, erst den Berg rechts des Neckars hoch, wo ich vom Lichtermeer begeistert war, und dann wieder herunter zu fahren und anschließend den links des Neckars hochzulaufen, zumindest ein Stück weit, und dann erneut hinunter, wobei wir uns erst über die Dualität des Lebens unterhielten und ich ihm später, dann schon am Neckarufer entlang zurück zum im Parkhaus einer Privatklinik parkenden Auto laufend, gestand, ich müsse zum Schreiben aus Mannheim und meinem dortigen Leben und Alltag hinaus, an einen Ort der von Bedeutung frei ist und an dem ich mir einen Tee kochen und vor dem Laptop sitzend aus dem Fenster auf den Fluss guckend schreiben könne, über das, was mich bewegt, was in mir brennt, was mir zu artikulieren notwendig scheint, vielmehr für mich selbst als für andere, die es jedoch auch lesen können, im Kopf vielleicht den Wunsch es verstehen zu wollen oder aber auch nicht, weshalb M. mir sagte, ich glaube, du musst hierher, in deine Geburtsstadt, die vor beschaulich romantischer Schönheit strotzende, dir aber doch sehr fremde Stadt, da du dich in Mannheim aufgrund der raueren Gegebenheiten wohler fühlst und deshalb nicht oft hier bist, denn du weißt, dass das Leben nicht nur schön ist oder sein kann, weshalb dir Mannheim ehrlicher erscheint, du aber trotzdem daraus flüchten musst, um einen ästhetischen Prozess beginnen zu können, der seit Ewigkeiten als verhaltener Wunsch in dir brütet: Schreiben, schreiben um zu leben, leben um zu schreiben, schreibend leben, lebend schreiben, geschriebenes und beschriebenes Leben, deines, das deiner Gedanken und das anderer, mit denen du dich umgeben hast, obwohl es vielmehr das Leben war, das dich mit ihnen umgeben hat, und das jetzt geschrieben und beschrieben werden will, weshalb du schon seit zwei Wochen das dringende und drängende Gefühl verspürst, dass es hinaus artikuliert werden muss, weil du gar nicht mehr anders kannst und es auch zutiefst willst.

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Papier, Gedanken, Abenteuer.

28. Mai 2008

Ich komme zu dem Schluss, dass alles was ich mir ausdenke nicht wahr werden kann. War ja schon immer so. Früher, da habe ich ganz viel auf dem Computer geschrieben, dann habe ich ihn aus meinem Zimmer rausgeschmissen. Als er dann nicht mehr da war, habe ich mir ein dickes Heft mit linierten Blättern gekauft, habe von da an dort hineingeschrieben. Nicht Tagebuch, das ist doof. Trotzdem kann man, glaube ich, an den Sachen die ich da hineingeschrieben habe, sehr viel darüber lesen, wie ich mich entwickelt habe und wie ich mich fühlte und so weiter, also viel persönliches. Meinem ersten Freund habe ich dieses dicke Heft gegeben, er hat sich ein paar Sachen durchgelesen, aber er hat sie nicht verstanden, er hat nur gesagt, dass sich das gut anhört und dass ich ein Talent habe zu schreiben. Aber er hat nicht verstanden, was es mich gekostet hat ihm dieses innere Stück von mir zu überreichen, das ist ja ein Stück Seele von mir. Und dann, als mein zweiter Freund kam, da habe ich immer weniger in dieses Buch geschrieben. Weil es nicht viel zu berichten gab? Weil ich zufrieden war? Relativ. Und zufrieden macht so unkreativ. Zufrieden sind bekanntlich nur die Lumpe.

Also, ich habe ja auch keine Zeit und meine Gedanken sind so schnell. Ich kann dann nicht per Hand schreiben, denn während ich schreibe, kommen schon neue Gedanken und die habe ich dann vergessen, wenn ich die vorherigen aufgeschrieben habe, das ist schlecht. Also bevorzuge ich doch wieder den Computer. Da drücke ich einfach Tasten, und es geht viel schneller und auch leichter, wenn man denn mit 10 Fingern schreiben kann. Etwas auf Papier zu bringen, hingegen, kostet einen viel mehr. Man erlaubt sich nicht, irgendetwas lediglich hinzuschreiben, irgendeinen Quatsch. Weil, das ist ja dann wirklich da, während es im Computer noch nicht ganz so wirklich da ist. Und das Wichtigste: Man überlegt sich nicht, ob man etwas weglässt, damit es schneller geht. Man lässt die kleinen Sachen draußen, wenn man auf Papier schreibt. Die sind aber auch wichtig. Ich gebe also folgende Empfehlung ab: Kondensierte Gefühle auf Papier (weil man sich mehr Gedanken über das macht was man schreibt und diese dann auch bewertet und nur diejenigen aufschreibt die man würdig genug findet um auf Papier zu stehen). Und der Computer ist also der Platz für Gedanken, die einem durch den Kopf gehen. Wild.

In letzter Zeit habe ich den Drang alles zu dokumentieren, denke, oh Mann, wenn ich das aufschreiben oder aufnehmen könnte und jemand anderem zeigen, oder mir noch einmal durchlesen. Ich glaube, wenn man schreibt, dann muss man den Leuten von der Realität erzählen und das was passiert oder passieren könnte. Klar, Fantasy, das ist cool, das lässt einen Träumen, aber das was einen erschüttert, das ist doch die Realität. Das ist der eigene, langweilige Alltag, all diese kleinen Dinge, die so viel sind, und so wenig gelten. Keine Abenteuer oder so. Abenteuer sind überhaupt Quatsch. Alle Deutschen sagen immer zu mir, oh Deutschland ist ein so biederes Land, und träumen nachts in ihren bayrischen Massivholz- oder Ikeabetten von der Karibik, dem Urwald oder Neuseeland und obendrüber immer die strahlende Sonne. Wisst ihr, alles Schöne entdecke ich hier. Das hier ist ein schönes Leben, ich mag Deutschland, ich liebe es, hier zu leben, das ist meine Erfüllung, ich liebe auch England, was wollt ihr denn alle immer mit euren Stränden und eurer Sonne, das verstehe ich nicht. Hier ist doch die Erfüllung. Aber da alle auf Abenteuer aus sind… Das verstehe ich nicht. Vielleicht hatte ich einfach schon zu viel Sonne in meinem Leben?

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Das Institut

25. April 2008

Kommen Sie mit mir in das Institut. Eine wissenschaftliche Einrichtung des Landes, vor wenigen Jahren auf Initiative der Landesregierung und einiger sie weise beratenden Korifeen gegründet. In kurzer Zeit sich zu einer der renommiertesten Forschungseinrichtungen auf ihrem Fachgebiet entwickelten Institution. Wachsende Mitarbeiterzahlen im wissenschaftlichen Bereich bei gleichbleibend schlanker Verwaltung und zunehmendem Drittmittelaufkommmen. Angestrebte Internationalisierung und Verbesserung der länderübergreifenden Kooperation. Erweiterung der Forschungsgebiete, vielfältiger Methodenkanon, zunehmende Anzahl an Forschungs- und Beratungsprojekten. Flache Hierarchien, gute kollegiale Atmosphäre, Ideenreichtum und Freude an Innovation, gelebte Gleichberechtigung, erkenntnisförderne Integration von Jung und Alt, familienfreundlich, unbürokratisch, kurz: Eine Vorzeigeinstitution. Brennende Fackel der Wissenschaft, des Respekts und der gegenseitigen Wertschätzung.

Nun treten Sie doch ein, keine falsche Schüchternheit, Sie sind herzlich willkommen. Wir bewegen uns durch die weitläufige, helle Eingangshalle. Freundliche, immer hilfsbereite Empfangsdamen (und -herren, bedenken Sie, wir leben Gleichberechtigung!) begrüßen Sie und zeigen Ihnen kompetent den Weg zur Ihren Gesprächspartnern, der Institutsleitung. Ein Anruf und Sie werden von der adretten Sekretärin in einen angenehm temperierten, mit neuester Technologie ausgestatteten Besprechungsraum geführt. Dort sitzt man schon und wartet auf Sie. Man begrüßt Sie freundlich, redet über Wetter und Anfahrt und überbrückt so, unverbindlich, aber sympathisch, die kurze Zeit bis die Personalreferentin eintritt. Sie ist irgendwas zwischen peinlich und geil, wird Ihnen einer der ältesten Kollegen mit Leitungsfunktion etwa ein Jahr später bei der Weihnachtsfeier gestehen. Aber das wissen Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erwartungsfroh und mit keckem Blick sieht sie Sie an. Sie stellen sich vor, viele berechtige Fragen werden gestellt, Ihre Kompetenz und Erfahrung gelobt und schließlich kommt man schnell überein, dass Sie bald zu den Glücklichen gehören werden, denen es eine besondere Ehre ist, in diesen heiligen Hallen an etwas Großem mitarbeiten und teilhaben zu dürfen. Hier können Sie sich entwickeln, fortbilden und lernen. Nette Kollegen werden Sie betreuen und Sie stets zuvorkommend in das wissenschaftliche Umfeld einführen. Wissenschaftler brauchen schließlich eine besonders aufmerksame Betreuung.

Nach Abschluss des äußerst informativen und freundlichen Gesprächs begegnen Sie auf Ihrem Weg nach unten der Putzfrau im Aufzug. Sie wissen jetzt noch nicht, dass diese hübsche Frau mit sorgfältig geknotetem Kittel in weniger als sechs Monaten in genau diesem Fahrstuhl entrüstet zu Ihnen sagen wird, dass man hier einen Porno drehen könne, gerade habe sie erneut jemanden bei einer ganz unwissenschaftlichen Tätigkeit im Archiv erwischt. Zu Recht!, wie Sie in sechs Monaten und zwei Wochen selbst an eigenem Leibe erfahren dürfen, als ihre attraktive wissenschaftliche Hilfskraft Sie ganz ungwohnt bei ihrer geistigen Arbeit stört und Sie, nach kurzer Entkleidung, ungestüm daran erinnert, dass jeder Kopf, auch der eines Wissenschaftlers, auf einem Körper sitzt. Dem können Sie nur zustimmen. Und: Es dient der Wissenschaft! Wie flott geht das Paper danach aus der Hand, wie mühelos beherrschen Sie anschließend das Editieren der Formeln mit LaTex, wie schnell sind die Literaturangaben Korrektur gelesen, wenn Ihre wissenschaftliche Hilfskraft bei Ihnen war. Da lohnen sich die 7,82 Euro pro Stunde für den Steuerzahler allemal!

Aber: Sie sind immer noch im Aufzug. Und Sie wissen ebenfalls nicht, dass Sie selbst in sieben Monaten Ihre Tutorin, eine gebildete Frau mit PhD aus Harvard, dabei überraschen werden wie sie mit einem Kollegen, der letztes Jahr den begehrten Nachwuchspreis für junge Wissenschaftler erhalten hat, ganz unwissenschaftlich an seinem Schreibtisch steht, während er im Eifer des Gefechts auf der Tastatur sitzt und nicht mehr aufhören zu scheinende As in ihr Gutachten für den Wissenschaftsrat einfügt. Zum Glück stellt die EDV Sicherungskopien bereit!

Wie gesagt: Sie sind noch völlig unberührt, jungfräulich und haben noch nicht an eigenem Leibe gespürt, dass der Teppich der Bibliothek böse Kratzspuren an den Knien und Unterarmen hinterlässt, die Regale scheinbar nicht ganz erschütterungsfest sind und Zeitschriften auch keine ideale Unterlage darstellen. Sie wissen noch nicht, was Freitag und Samstag abends in der Kaffeküche, lediglich erhellt durch das Notausgangslicht, geschieht. Sie haben beim Gießen der Topfpflanzen noch keine Überbleibseln der Nacht flüchtig vergraben gefunden. Auch die halbangebrochenen Sektflaschen im Kühlschrank werden Ihnen frühestens in drei Monaten auffallen. Was Sie allerdings schon bald bemerken werden, ist, dass mangelnde wissenschaftliche Erfahrungen bei Hilfskräften kein Hinderungsgrund zur Einstellung sind, solange sie im Vorstellungsgespräch einen Hang zu devotem Verhalten kund tun.

Dies wird die beste Zeit Ihres Lebens. Solange Sie keine Konflikte mit Kollegen herbeiführen oder diskret genug sind, solange Ihr Stehvermögen Ihrem wissenschaftlichen Anspruch entspricht, solange Sie nicht darauf bestehen, als erster auf einer Publikation genannt zu werden, weil Sie Ihrer Mitschreibenden ein paar Glücksmomente beschert haben. Solange wird dies Ihr Zuhause sein. Danach müssen Sie gehen. Aber jetzt kommen Sie erst einmal. Kommen Sie!

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